Zukunftsmusik

Hans Magnus Enzensberger: Zukunftsmusik. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1991.

Umschlag

Nachdem Enzensberger ein Jahrzehnt lang keinen Lyrikband mehr veröffentlicht hatte, wagte er mit Zukunftsmusik 1991 einen lyrischen Neuanfang. Auf dem Einband und den Buchdeckeln innen breitet sich vor dem Auge des Betrachters eine in facettenreiches Blau getauchte, phantastisch wirkende und räumlich scheinbar unbegrenzte, vielleicht nächtliche Wüstenlandschaft aus. Sie erweckt ein Gefühl der Harmonie und Ruhe. Die Symbolik des Bildes umfasst jedoch auch andere Perspektiven. Die Wüste birgt Gefahren, wie Hunger, Durst und Sandstürme. Diesen Gefahren war in der biblischen Geschichte das auserwählte Volk Gottes ausgesetzt. In Bezug darauf kann die Wüste als ein von Gott verlassener Ort gesehen werden. Gleichzeitig ist sie aber auch Symbol der Prüfung und Reinigung. Ebenso hat die Farbe blau, die das Bild dominiert, positive und negative symbolische Elemente. Es ist die Farbe des Meeres und des Himmels. Beide scheinen unendlich zu sein und binden eine ins Unendliche gehende Sehnsucht an sich. Im Gegensatz dazu gilt Blau aber auch als die Farbe der Trauer und des Unheils. Vordergründig leicht und unbeschwert, verbirgt das Bild eine sich im Hintergrund haltende Schwere und Gefahr.

Den vier Zyklen des Bandes Das leere Blatt, Alles Gute, Zum ewigen Frieden und Abtrift sind insgesamt 56 Gedichte zugeordnet. Die Titel der Teilbereiche wie auch der Bandtitel entsprechen jeweils einem Gedichttitel. Dem Leser erschließen sich in den Gedichten unterschiedliche Szenen und Themenbereiche, so z.B.: Straßenszenen, Mathematik, Politik, Phonetik, ausgestorbene Berufe etc. Dabei wird nicht nur die Gegenwart, sondern auch die Vergangenheit thematisch einbezogen. Allerdings scheut der Autor sich, dem Leser einen Ausblick in die Zukunft zu geben. Zum einen, weil bereits die Gegenwart als Zustand der Leere und Sinnlosigkeit beschrieben wird, zum anderen, weil besonders das letzte Gedicht des Bandes, mit dem Titel Zukunftsmusik, eine negative Zukunftserwartung suggeriert: „Die wir auf uns zukommen lassen, / erwartet uns nicht, / kommt nicht auf uns zu, / nicht auf uns zurück, / steht dahin. / Gehört uns nicht“.1

Der Titel Zukunftsmusik geht anscheinend auf Richard Wagner zurück. Bereits Mitte des 19. Jahrhunderts, trug eine Musikkomposition diesen Titel. Durch Tradierung wurde der Begriff zum Schlagwort.2 Dieses Schlagwort hat sich bis in die gegenwärtige Alltagssprache erhalten. Beim Lesen der Gedichte wird deutlich, dass der fortschrittsoptimistische Titel nur als Ironie des Autors verstanden werden kann. „Die Ironie des Titels gilt einer Gegenwart, deren Perspektive längst verschwunden ist, die sich aber gerade in diesen Zustand der Aussichtslosigkeit eingefunden hat.“3

Enzensberger distanziert sich in Zukunftsmusik weitgehend von dem anklagenden, lauten und aggressiven Ton der früheren Werke. Peter Rühmkorf bemerkte „ein bemerkenswert friedlich gesonnenes Gedichtbuch“.4 Weiterhin sprechen viele Rezensenten dem Werk eine „ungeheure Leichtigkeit“ (ebd.) zu. Inhaltlich jedoch spricht der Gedichtband dem Menschengeschlecht sowohl die kulturelle als auch die historische Zukunft ab. Dadurch entsteht beim Lesen ein tiefes Gefühl der Resignation. Dieses Gefühl wirkt sich jedoch nicht unbedingt beunruhigend aus, weil gerade der schwerelos wirkende Schreibstil, die Schwere des Gedankens aufhebt. Dies steht wahrscheinlich in einem engen Zusammenhang mit der äußerlichen Gestaltung des Bandes. Die Leichtigkeit des Äußeren verdeckt die drückende Schwere des Kerns.



Weitere Ausgaben

Inhalt



1Hans Magnus Enzensberger: Zukunftsmusik. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1991.
2 Jacob und Wilhelm Grimm: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm. Hrsg. v. d. Deutschen Akademie für Wissenschaft zu Berlin, sechzehnter Band, Zobel–Zypressenzweig. Leipzig: S. Hirzel 1954.
3Kritisches Lexikon zur deutschsprachigen Gegenwartsliteratur (KLG).
4Jörg Lau: Hans Magnus Enzensberger. Ein öffentliches Leben. Berlin: Alexander Fest Verlag 1999.