Wo warst du, Robert?

Hans Magnus Enzensberger: Wo warst du, Robert? München: Hanser 1998.

Umschlag

Mit dem Buch Wo warst du, Robert? zeigt Hans Magnus Enzensberger einmal mehr, dass er nicht ausschließlich Bücher für Erwachsene, sondern auch für Kinder und Jugendliche schreibt, wobei das Buch durchaus auch erwachsenen Lesern zusagen kann. Hauptperson in Enzensbergers Buch ist der 14-jährige Robert, ein eher zurückhaltender Junge aus Deutschland, dessen Mutter abends oft zum Italienischkurs oder zu einer Vernissage unterwegs ist. Auch seinen Vater sieht Robert wegen häufiger Geschäftsreisen kaum. Neben seinen Eltern ist die wichtigste Person in Roberts Leben sein bester Freund Ratibor.

Der Leser erfährt direkt zu Beginn, dass Robert aufgrund eines seltsamen Augenflimmerns bereits beim Arzt war, der ihm aber nicht helfen konnte. Genau dieses Flimmern ist der Auslöser für Roberts Verschwinden an einem gewöhnlichen Abend, den er alleine zu Hause verbringt. Vom Barhocker in der Küche wird Robert ins Sibirien des Jahres 1956 verschlagen, da er diese Szenerie in dem Moment im Fernseher sah, als sein Augenflimmern einsetzte. Im kalten Russland ist Roberts Rettung die Apothekerin Olga, die ihn aufnimmt und versorgt. Auch wenn er kaum weiß, wie ihm geschieht, muss er sich vorerst mit der Situation abfinden. Doch Robert rutscht tiefer in die Zeit und an einen ganz anderen Ort.

Seine zweite von sieben Reisen führt ihn in das Jahr 1964 nach Australien. Für Robert beginnt damit eine Reise durch Raum und Zeit, in der er zahlreiche Abenteuer erlebt. Er findet in Australien seine erste große Liebe Caroline, die er aber schon nach kurzer Zeit unfreiwillig auf eine andere Reise verlässt. Er wohnt 1930 bei der Familie seiner Großmutter, gerät in Straßenkämpfe der Kommunisten und landet 1860 in Norwegen. Weiter geht es nach Deutschland, wo er 1702 bei einer Prinzessin als Page eingestellt wird. Dadurch lernt er den Philosophen Treibnitz kennen, dem er schließlich seinen Taschenrechner, den er noch aus der ersten Welt aufbewahrt hat, zeigt. An dieser Stelle wird deutlich, dass Robert durch sein Zukunftswissen über eine große, oft ungewollte Macht verfügt.

Bei seiner vorletzten Reise stößt Robert zu einer Räuberbande im Elsass. Auch hier beginnt zunächst wieder das übliche Raten nach dem Ort und der Zeit, in der Robert gelandet ist, wobei er schnell feststellt, dass er sich mitten im 30-jährigen Krieg befindet. Nachdem er in letzter Sekunde aus einer gefährlichen Situation entkommt, führt ihn die letzte Reise nach Amsterdam in die Niederlande. Dort beginnt er bei dem Maler David eine Lehre, die ihn zur rettenden, ihn in seine eigene Welt zurückführenden Idee bringt. Das Buch hat Prolog und Epilog, wodurch der Geschichte eine Art Rahmen verliehen wird, und es bleibt offen, ob Roberts Abenteuer fernab der heimischen Küche wirklich stattgefunden haben oder nur Phantasie waren.

Enzensberger spielt in diesem Werk auf unterhaltsame, heitere Art mit Raum und Zeit, wobei trotzdem nicht die nötige Ernsthaftigkeit verloren geht. Die Plätze, an die es Robert ständig durch das Betrachten eines Bildes verschlägt, beschreibt Enzensberger sehr detailgenau und lebendig.



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