Der Weg ins Freie. Fünf Lebensläufe überliefert von Hans Magnus Enzensberger.

Der Weg ins Freie. Fünf Lebensläufe überliefert von Hans Magnus Enzensberger. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1975. 116 Seiten. (edition suhrkamp, 759)

Umschlag

Das Buch stellt fünf Personen in exemplarischen Lebensläufen vor, die in je verschiedener Weise mit politischer Unterdrückung zu kämpfen und sich gegen aufgezwungene unmenschliche Lebensverhältnisse zur Wehr zu setzen hatten: den entlaufenen Sklaven Esteban Montejo (vgl. auch Enzensbergers Opernlibretto zu Hans Werner Henzes El Cimarrón); die Mexikanerin Manuela Azcanio Alias, eine Köchin in den Elendsvierteln von Habana; den anonymen Insassen einer psychiatrischen Anstalt in Turin; den chinesischen Soldaten Lo Ping–hui, der vom Söldner zum revolutionären Kämpfer und General der Roten Armee aufstieg; und schließlich den spanischen Widerstandskämpfer Miguel Garcia, genannt Ferrer, der über zwanzig Jahre in den Gefängnissen Francos inhaftiert war.

Alle fünf Beschreibungen stammen aus bereits veröffentlichten Büchern oder Artikeln. Aber nur im Fall des Psychiatrisierten hat Enzensberger sie in satzgetreuer und ungekürzter Übersetzung übernommen. In die übrigen Texte hat er mehr oder weniger stark eingriffen. Im Fall Lo Ping–huis hat er militärgeschichtliche Details weggelassen, in den verbleibenden Beschreibungen gekürzt, gefiltert und umgestellt. „So verhält sich meine Fassung zu ihrer Vorlage wie ein Extrakt zum Ganzen: statt eines erzählerischen Kontinuums hat man es mit einer Collage zu tun (wobei freilich jeder Satz von Montejo stammt und keine Zeile hinzuerfunden worden ist)“ (S. 107). Der Bericht über die Mexikanerin entstammt einer wissenschaftlichen Studie über die „Subkultur der Armut“: „Meine deutsche Fassung ist dagegen als soziologische Feldstudie nicht gedacht. Ihre Absicht geht dahin, zu zeigen, wie fünfzig Jahre der cubanischen Geschichte sich ausnehmen, gesehen mit den Augen einer Köchin. [...] Auf die Kappe des Bearbeiters gehen selbstverständlich auch die chronologischen Zwischentexte; sie sollen den historischen Kontext vergegenwärtigen helfen, in dem sich die Veränderungen, von denen Manuela erzählt, abgespielt haben“ (S. 108). „Meine deutsche Fassung gibt nur ein knappes Fünftel der Vorlage wieder; im Gegensatz zum Buch, das als fortlaufender Bericht angelegt ist, habe ich mich hier für eine episodenhafte, diskontinuierliche Erzählstruktur entschieden“ (S. 112). Diese Äußerungen rechtfertigen die Aufnahme des Bandes unter die Bücher des Autors Enzensberger. Die Lebensläufe stehen Büchern wie dem Kurzen Sommer der Anarchie oder dem Verhör von Habana näher als etwa den Freisprüchen. Revolutionäre vor Gericht, die Enzensberger selbst als Sammlung bezeichnete.

In den Lebensläufen geht es dagegen um die Erzählgattung der mündlichen Autobiographie, die im Begriff des Dokuments nicht aufgeht. Enzensberger schreibt dazu in der Nachbemerkung: „Erst dann also, wenn man sich darauf geeinigt hat, daß jede Literatur, und die mündliche besonders, der Überlieferung bedarf, und daß jede Überlieferung eine Arbeit ist; erst wenn man die Notwendigkeit dieser Arbeit akzeptiert, statt sie zu leugnen, kann man beginnen, die Kriteren, die für sie gelten sollen, zu diskutieren, und die Schwierigkeiten, die dabei auftreten, ins Auge zu fassen.“ (S. 114f.) Probleme bereiten zum einen die weitverbreitete Glättung, zum anderen die Literarisierung solcher Texte. Während im ersten Fall den Texten ihre Widersprüchlichkeit ausgetrieben werde, wogegen Enzensberger sich energisch verwahrt, handelt es sich im zweiten um eine „mindere Gefahr“ (S. 115). „Ein Buch, das ‘Der Weg ins Freie’ heißt, kann solchen Versuchungen niemals ganz aus dem Wege gehen. Der Titel zeigt das Interesse und damit die Voreingenommenheit der Auswahl an. Schließich könnte man sich auch eine Reihe von Lebensläufen denken, deren gemeinsamer Nenner nicht der Versuch der Befreiung wäre, sondern die Liebe zur Sklaverei.“ (ebd.)



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