Die Große Wanderung. 33 Markierungen. Mit einer Fußnote ‘Über einige Besonderheiten bei der Menschenjagd’.

Hans Magnus Enzensberger: Die Große Wanderung. 33 Markierungen. Mit einer Fußnote ‘Über einige Besonderheiten bei der Menschenjagd’. Frankfurt/M.:Suhrkamp 1992.

Umschlag

Der 1992 veröffentlichte historisch-politische und philosophisch-anthropologische Essay Die große Wanderung. 33 Markierungen. Mit einer Fußnote ‘Über einige Besonderheiten bei der Menschenjagd’ ist Hans Magnus Enzensbergers Versuch, die oft sehr enge, tagespolitische Perspektive der deutschen Asylpolitik ins Historische zu erweitern. Ursachen für Flucht, Wanderbewegung, Emigration, Immigration und Fremdenhass sind die Leitthemen, an denen sich der Autor orientiert und die den oft nur lose zusammengestellten 33 Markierungen, in die sich der Text gliedert, einen Zusammenhang geben.

Dem Text vorangestellt sind zwei Zitate, die diese Thematik widerspiegeln: „Wir wissen nicht mehr, wen wir achten und respektieren sollen und wen nicht. In dieser Hinsicht sind wir gegeneinander Barbaren geworden. Denn von Natur sind alle gleich, ob Barbaren oder Griechen. Das folgt aus dem, was von Natur aus für alle Menschen notwendig ist. Wir atmen alle durch Mund und Nase, und wir essen alle mit den Händen.“ (Antiphon, Von der Wahrheit. 5. Jh. v. Chr.) „An der Freiheitsstatue steht die Inschrift: »In diesem republikanischen Land sind alle Menschen frei und gleich geboren.« Aber darunter steht in winziger Schrift: »Außer dem Stamm der Hamo [der Schwarzen].« - Das macht den ersten Satz zunichte! Oh, ihr Republikaner!“ (Herman Melville, Mardi: and a Voyage thither. 1849.)

Enzensbergers Essay beginnt mit einem Blick auf die Geschichte der Menschheit und stellt fest: Schon immer habe es Migrationen und Fremdenhass gegeben, sie seien keine Phänomene der Neuzeit, sondern universell verbreitete anthropologische Konstanten. Da die Erfahrungen mit diesen Konstanten jedoch häufig verleugnet oder vergessen würden, versucht Enzensberger in den folgenden Teilen seines Essays einen Blick über den Tellerrand zu werfen und so eine differenzierte Sicht auf die Problematik zu erlangen. Asylpolitik, Asylrecht, der Zusammenhang zwischen Wirtschaft und Ein- und Auswanderung, der Menschheitsbegriff primitiver Stämme und Völker, Globalisierung und Weltmarkt, die Bildung von Nationen seit dem 19. Jahrhundert, und die Probleme der multikulturellen Gesellschaft sind nur einige Beispiele für die thematische Vielfalt der 33 Markierungen. Zudem bringt Enzensberger zahlreiche historische Beispiele und Erklärungen, so erläutert er etwa die historische Entstehung und Entwicklung des Begriffs Asyl und seine wechselnden Bedeutungen. Diese thematische Vielfalt ist zum einen nötig, um die Komplexität der Problematik vor Augen zu führen, führt jedoch dazu, dass der Text eine sehr fragmentarische Form annimmt. Dies macht deutlich, dass es keine einfachen Lösungsformeln für die Problematik gibt, auch Enzensberger hat keine anzubieten. Zum anderen ist es ein Hauptanliegen Enzensbergers die Statistiken, Berechnungen und polemischen Äußerungen bezogen auf die Einwanderungsproblematik der heutigen Zeit zu relativieren, indem er aktuelle Einwanderungszahlen mit Einwanderungsstatistiken aus der Geschichte vergleicht.

In der abschließenden Fußnote ‘Über einige Besonderheiten bei der Menschenjagd’ bezieht Enzensberger eindeutig Stellung zum Umgang der deutschen Politiker mit der Einwanderungsproblematik und der Fremdenfeindlichkeit. Hierbei steht die Haltung der deutschen Regierung zur Häufung der Übergriffe rechtsradikaler Schlägerbanden auf Ausländer im Zentrum seiner Kritik. Die Regierung setze den ihr zur Verfügung stehenden „Apparat der Repressionen“ (Polizei, Gerichte, usw.) in diesen Fällen viel zu zurückhaltend ein, vor allem auffallend zurückhaltender als bei allen anderen Straftaten, bei denen sie viel Verfolgungseifer an den Tag lege. Anstatt die Täter zu bestrafen, suche man Entschuldigungen für ihr verbrecherisches Handeln. Jedoch nicht nur am Verhalten der Regierung in diesen Extremfällen übt Enzensberger Kritik, sondern auch an der Form, wie die alltägliche Debatte über die Einwanderung geführt werde. Sie erinnere an eine Talkshow: die eine Seite gebe die Parolen vor, die oppositionelle Rede stelle sie auf den Kopf. Einerseits werde eine abstrakte, moralisierende Grundsatzdiskussion angezettelt, andererseits aber ziehe man sich auf Verfahrensfragen zurück, sobald es um die Umsetzung in der Praxis gehe.



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1Hans Magnus Enzensberger: Die Große Wanderung. 33 Markierungen. Mit einer Fußnote ‘Über einige Besonderheiten bei der Menschenjagd’. Frankfurt/M.: Suhrkamp 1992.