Vorzeichen. Fünf neue deutsche Autoren.

Vorzeichen. Fünf neue deutsche Autoren. Christian Grote, Hans Günter Michelsen, Gisela Elsner, Ror Wolf, Jürgen Becker. Eingeführt von H. M. Enzensberger. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1962.

Umschlag
Das 219 Seiten umfassende Buch unter der Herausgeberschaft Enzensbergers stellt fünf unterschiedliche Schriften vor, die zuvor noch nicht publiziert wurden. Ihre Autoren blieben von den Literaturkritikern bislang unbemerkt, wobei mit Christian Grote und Hans Günter Michelsen zwei Schriftsteller erstmals öffentlich in Erscheinung treten.

Das Ziel dieser Schriftensammlung soll sein, einen Beitrag zur fortschreitenden Entwicklung deutscher Literatur zu leisten, die sich nicht vereinheitlichen oder gar problemlos voraussagen lässt. Die fünf Arbeiten stellen keine simple Imitation vorangegangener Werke dar. Sie lassen sich nicht normativ literarisch einordnen, da ihre Autoren sowohl in Thematik, Theorie und Sprache differieren. Die Schriftsteller wenden sich vielmehr gegen einen angepassten Schreibstil, der von Konsum und hohen Umsatzzahlen auf dem deutschen Buchmarkt geprägt ist und bestimmt wird. Hierbei soll ein Lesepublikum angesprochen werden, das neuartige Werke schätzt und sich von den bekannten und etablierten literarischen Größen abgrenzt.

Die Arbeiten der Teilnehmer sind bis auf Michelsens Einakter Stienz allesamt Fragmente, das bedeutet Textpassagen mit offenen Rändern aus Werken, von denen zwei zur Zeit ihrer Veröffentlichung in diesem Buch noch nicht abgeschlossen sind. Der Herausgeber weist letztlich ausdrücklich darauf hin, dass es sich bei diesem Werk nicht um eine "Förderungsmaßnahme" handelt, sondern um einen "Glücksfall" (S. 24), dass innerhalb eines Jahres fünf neue Autoren in einem Buch vorgestellt werden können.



Christian Grote: Für Kinder die Hälfte (S. 27-56)

In Grotes Prosastück werden Eindrücke und Lebenssituationen aus der Kindheit einer Hauptfigur in detaillierter Weise beschrieben. Die Person selbst bleibt allerdings namenlos und unbestimmt, so dass sich der Leser kein konkretes äußerliches Bild machen kann. Für Enzensberger drückt der Bericht „stark autobiographische Züge“ (S. 14) aus, jedoch werden die dargestellten Erlebnisse derart allgemein gehalten, dass nicht die fassbare Kindheit einer einzelnen Romanfigur, sondern Kindheit im allumfassenden Sinn zum Thema von Grotes Werk wird.


Hans Günter Michelsen: Stienz (S. 57-110)

Michelsens Bühnenstück Stienz ist als Drama in einem Akt aufführbar, obwohl es laut Enzensberger „weder Farce noch Posse, nicht einmal ein Anti-Drama“ (S. 14) ist. Die Titelfigur ist in diesem Schauspiel zwar stets präsent, bleibt jedoch ohne aufzutreten im Hintergrund des Geschehens. Für den Zuschauer ist Stienz in seiner Rolle auf der Bühne nicht sichtbar, sondern bloß zu hören. Als ehemaliger Hauptfeldwebel ist er seinem früheren Major weiterhin treu untergeben, der in seiner verfallenen Unterkunft seine Memoiren niederschreiben möchte. Als Stienz am Ende des Stücks erschossen wird, nimmt Mechthild, die Tochter des Majors, seinen Platz ein um die Substituierbarkeit der gehorsamen Titelfigur zu verdeutlichen, obwohl sie zuvor konsequent deren Gegenposition vertritt.


Gisela Elsner: Die Lücke (S. 111-156)

Elsners Schrift stellt aus der Perspektive des kleinen Lothar die zerrütteten Verhältnisse einer Familie dar, die unter der Dominanz des Vaters leidet. Dabei wird die familiäre Herrschaftsordnung vornehmlich anhand von gemeinsamen Mahlzeiten deutlich, bei denen der Vater als Ernährer konsequent den Hauptteil des Essens erhält, so dass Mutter und Kind schließlich eine unterdrückte und vernachlässigte Position einnehmen. Die Art und Weise mit der die Zunahme von Nahrung sowie der Ablauf des gemeinsamen Speisens beschrieben wird, nimmt hierbei sowohl groteske als auch kannibalische Züge an, wodurch die negative Erscheinung des Vaterbildes letztlich noch verstärkt wird.


Ror Wolf: Krogge ist der beste Koch oder Fortsetzung des Berichts (S. 157-192)

Obwohl Wolf im Titel seiner Schrift von der Fortsetzung eines Berichts spricht, ist diesem tatsächlich kein früherer vorangegangen. Sein Werk kennzeichnet sich dadurch, dass für den Leser kein dominanter Handlungsstrang mehr festzustellen ist. Aus der Sicht einer männlichen Person werden Erlebnisse und Vorgänge in detailliertester Form beschrieben. Dabei vermischen sich selbst einfachste Eindrücke des Hörens, Sehens, Riechens und Tastens zu einem dichten Geflecht aus vielfältigen Sinneswahrnehmungen und Gedankengängen, die auf die Hauptfigur einwirken. Insofern wird ein linearer Handlungsablauf unmöglich, der rote Faden droht dem Leser schließlich abhanden zu gehen. Dennoch lassen sich einzelne Motive in Abständen wiederfinden, wobei Enzensberger anmerkt: „Das Grundmuster seines Buches erinnert mit seinen Reprisen, Schleifen- und Ringformationen an die Modellformen organischer Verbindungen“ (S. 17).


Jürgen Becker: Felder (S. 193-216)

In insgesamt 33 Feldern stellt der Autor die unterschiedlichen Gefühls- und Bewusstseinszustände eines Sprechers dar, die sich durch einen differenzierten Gebrauch von Sprache und artikulatorischer Äußerungen kennzeichnen. Diese sind inhaltlich und thematisch nicht miteinander verbunden, sondern haben lediglich gemeinsam, dass der Sprecher versucht, seine Imaginationen und Erfahrungen in Sprache umzuwandeln. Dabei bricht Becker teilweise mit jeglichen literarischen und formalen Normen, die einen konventionellen Text konstituieren, wobei aber „seine Schrift an keiner Stelle zum infantilen Gestammel zerfetzt“ (S. 17).

Jörg Schönen
2006

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