Voltaires Neffe. Eine Fälschung in Diderots Manier.

Hans Magnus Enzensberger: Voltaires Neffe. Eine Fälschung in Diderots Manier. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1996. 71 S.

Umschlag

Das Theaterstück Voltaires Neffe. Eine Fälschung in Diderots Manier von Hans Magnus Enzensberger ist nach dem Vorbild von Diderots Rameaus Neffe verfasst und greift dessen Hauptfiguren wieder auf: den Philosophen – einen Moralisten – der seinen Gegenspieler, hier den sogenannten Neffen Voltaires, attackiert und ihn als einen Lügner und Parasiten bloßstellt.

Dennis Diderot (1713-1784) stellt für Enzensberger eine wichtige Figur der Aufklärung dar. Er war Schriftsteller und Philosoph und wandte sich damals gegen die kirchliche Obrigkeit, den vorherrschenden Aberglauben und Konservatismus sowie gegen die vom Feudalismus geprägte Gesellschaftsordnung. In seiner Satire Le neveu de Rameau (1774) veranschaulichte Diderot die damalige Gesellschaft und ihre heuchlerische Moral. Wie das Motiv der gegensätzlichen Figuren greift Enzensberger auch das der heuchlerischen Gesellschaft auf. Enzensberger hat den Dialog verkürzt und wie es im zusätzlichen Blatttext des Buches heißt, „an die Stelle des halbvergessenen Opernkomponisten Rameau ist Voltaire höchstpersönlich gerückt. Die Szenerie ist nicht das literarische Café sondern das Foyer einer Akademie, die eine hochpolitische Beratung über die Ausbeutung der Kolonien abhält. Und wo Diderot an das Treiben in den Pariser Salons anknüpfte, an Opernintrigen und Schauspielerkabalen, stehen nun Börsenspekulationen und Arbeitsplätze, die Geheimpolizei und der Sklavenhandel im Mittelpunkt. Entstanden ist auf diese Weise die respektvolle Fälschung eines Klassikers.“ Helmut Hirsch hat in seiner Rezension Glück und Elend der Parasiten deutlich gemacht, dass dies ein Spiel sei „mit Fälschung und Verstellung, ein brillanter Rollensprung, denn einmal ist der Neffe ein Schurke, ein Lügner und Parasit, dann wieder die Figur des Philosophen, der die List und Hinterhältigkeit des Neffen Voltaires attackiert, selbst aber verstiegen genug ist, um auch in den engeren Bezirk der ‘Parasiten’ aufgenommen zu werden.“

Zunächst wird dem Leser der Neffe vorgestellt als jemand, der an seinen Fähigkeiten als gefragter Unterhalter zweifelt und zugibt, dass er nichts lieber möge, als wenn ein Rezensent die großen Männer verreißt. Der Philosoph nennt den Neffen einen Parasiten, doch der sieht sich nur als Vertreter des Volkes. In der Mitte des Stückes wandelt sich etwas. Der Neffe wird mehr und mehr zum Kritiker und übertrifft darin sogar den Philosophen. Wie Hirsch in seiner Rezension schreibt, ist die Umsetzung von Tugend und Aufklärung ins Handeln schwieriger als von ihnen nur zu reden. Enzensberger bringt in seinem Theaterstück die Tatsache auf den Punkt, dass die Europäer nach außen hin die Grundsätze der Aufklärung vertraten, gleichzeitig aber Handel mit Schwarzen trieben und die Kolonien ausbeuteten. „Blutdurst und Gier nach Geld bestimmen das Handeln der Europäer (...), denn es stellt sich im Gespräch heraus, dass auch der Philosoph, der gegen die Übel der Sklaverei wettert, Teilhaber an diesem Handel ist.“ (Hirsch) Das Streitgespräch befindet sich auf dem Höhepunkt und fällt danach stark ab, denn man einigt sich darauf, dass alles nur ein Spiel gewesen sei. Die letzten Worte des Philosophen sind: „Das ist ja das Fatale, Sie und ich, wir bleiben, was wir sind.“ Der Neffe antwortet darauf: „Warum auch nicht, Herr Philosoph? Solange es geht, wollen wir unser Unglück genießen.“ Bevor der Vorhang fällt, tragen die historischen Figuren moderne Anzüge und sehen heutigen Staatsmännern, Bankern und Beratern so ähnlich wie nur möglich.