Das Verhör von Habana

Hans Magnus Enzensberger: Das Verhör von Habana. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1970. 270 Seiten.

Umschlag

Die Vor– und Rückseite dieses Buches ist mit dem schwarz, grün und braunen Muster eines Tarnanzuges bedruckt. Dem Buch ist ein Laufzettel beigelegt, mit dem das Werk vorgestellt wird. Hans Magnus Enzensberger lässt das Verhör von Habana mit einer Einleitung, dem Essay Das Selbstbildnis der Konterrevolution, beginnen. Dem Leser wird eine Deutung gegeben, die ihn „vorbereitet, belehrt und darauf hinweist, was er zum Studieren dieses Buches zu beachten habe“.1 Dieser Essay führt den Leser in die Thematik ein und versucht, ihm die historisch-politischen Ereignisse zu veranschaulichen. „Das Verhör von Habana ist weder ein Drehbuch, noch ein Theaterstück, dennoch kann es auf der Bühne oder vor der Fernsehkamera dargestellt werden.“2

Es handelt sich bei diesem Buch um ein dokumentarisches Stück, welches man als Rekonstruktion eines revolutionären Aktes bezeichnen kann. Dieser revolutionäre Akt fand im April des Jahres 1961 statt. Es ist dokumentarische Literatur, da sie sich auf historische Faktizität und authentischen Wortlaut vor einem öffentlichen Tribunal in Habana auf Kuba noch während der Invasion in der Schweinebucht durch ein Söldnerheer im Auftrag der CIA und der amerikanischen Regierung stützt. Enzensberger hat das Material dieses Werks einem 1000 Seiten langen Tonbandprotokoll von 41 Verhören übernommen. Er wählte zehn davon aus. Er hat das Material also bearbeitet und eine Auswahl getroffen. „Seine Bearbeitung ist als politische Interpretation zu verstehen.“ (S. 287)

Die herrschende Klasse, die kubanische Bourgeoisie, bekleidet mit amerikanischen Fallschirmjäger-Uniformen, muss hier Rede und Antwort stehen. Sie sehen sich selbst als Idealisten, die bei der Invasion für Prinzipien kämpften und keinerlei materielle Interessen kannten. Sie halten sich für Patrioten, arbeiteten jedoch mit der CIA zusammen, um den amerikanischen Firmen ihren enteigneten Besitz zurückzugeben. Ihr Verhalten ist also durchaus widersprüchlich. Enzensberger interessiert sich dafür, wie diese herrschende Klasse denkt und welche Abwehrmechanismen sie einsetzt, um die Konterrevolution zu rechtfertigen. Diese Befragung soll jedoch kein Geständnis, sondern ein Selbstbildnis der Konterrevolution darstellen.

Enzensberger nimmt die Rolle eines politischen Publizisten ein. „Sein politisches Interesse ist besonders der Ausplünderung der „Armen Welt“ und Amerikas Krieg in Vietnam gewidmet. Besonders die Vereinigten Staaten zogen Kritik und Proteste auf sich, sie wurden zum Katalysator für das politische Selbstverständnis vieler deutscher Schriftsteller, so auch für Enzensberger“ (S. 282). Enzensberger hielt sich im Jahre 1967 in den Vereinigten Staaten auf, wo er die Gelegenheit hatte, den Amerikanismus ganz aus der Nähe zu studieren. Er blieb nur zwei Monate dort und schrieb nach einer Kuba–Reise einen Brief mit dem Titel: Warum ich Amerika verlasse. In diesem Brief kritisiert er die amerikanische Regierung. Er ist der Meinung, dass diese Regierung die „ökonomische, politische und militärische Weltherrschaft anstrebt und ihr Todfeind die Revolution ist“ (S. 283) Nach dem Aufenthalt in den Vereinigten Staaten ging Enzensberger 1968 nach Kuba und stieß dort auf die Verhöre der Konterrevolution.



Materialien

Weitere Ausgaben



1 Kindlers Neues Literaturlexikon.
2 Klaus L. Berghahn: Es genügt nicht die einfache Wahrheit. Hans Magnus Enzensbergers Verhör von Habana als Dokumentation und Theaterstück. In: Reinhold Grimm (Hrsg.): Hans Magnus Enzensberger. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1984 (Suhrkamp Taschenbuch 2040), S. 279. Im Folgenden zitiert unter einfacher Seitenangabe.