Der Untergang der Titanic. Eine Komödie

Hans Magnus Enzensberger: Der Untergang der Titanic. Eine Komödie. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1978. 115 Seiten.

Umschlag

Das Werk ist in 33 Gesänge unterteilt, die durch 16 lyrische Zwischentexte unterbrochen werden. Die Bezeichnung ‘Komödie’ ist irritierend, weil der Leser mit dem Titel Der Untergang der Titanic das historische Unglück assoziiert, bei dem viele Menschen ihr Leben gelassen haben. Der Untertitel bezieht sich aber wohl weniger auf das historische Unglück als auf Dantes "Göttliche Komödie", deren einzelne Teile ebenfalls je dreiunddreißig Gesänge aufweisen. Enzensberger kritisiert die Fortschrittsgläubigkeit anhand des für unsinkbar gehaltenen Luxusdampfers. Die Titanic fungiert als Symbol für das Scheitern des Fortschritts, mit dem der Autor auf verschiedene gesellschaftliche Mißstände hinweist. Entsprechend heißt es zumindest im 18. Gesang, daß die Überlebenden (erster Klasse) von den Schreien der Ertrinkenden wegrudern (S. 97).

Der Untergang des Schiffes wird in dem Text aus verschiedenen Perspektiven beleuchtet. Ein Maler versucht etwa, das Unglück und gleichzeitig den Weltuntergang zu malen. Ein Schriftsteller will über den Untergang der Titanic ein Werk verfassen. Die Texte sind in einem zynischen und ironischen Ton gehalten. Der nahende Tod wird beispielsweise auf folgende Weise kommentiert: „Wer ertrinkt schon gern, noch dazu bei minus zwei Grad?“ (S. 34). Und im Zusammenhang mit dem unfreiwilligen Überbordgehen heißt es: „Bitte nach Ihnen: Grüß die Kinder. Erkälte dich nicht“ (S. 56). Der Grundsatz, nach dem Frauen und Kinder zuerst gerettet werden sollen, wird mit dem Satz ironisiert: „We are prepared to go down like gentlemen“ (S. 47). Schließlich werden sogar Schlager zitiert: „Das kann doch einen Seemann nicht erschüttern“ (S. 48).

Alles in allem ist es Enzensberger gelungen, sich in diesem Werk mit seiner eigenen politischen und künstlerischen Vergangenheit auseinanderzusetzen. Die Texte in Der Untergang der Titanic spiegeln einerseits den kämpferischen Enzensberger wider, der sich gegen unbedingte Fortschrittsgläubigkeit und soziale Ungleichheit auflehnt, sie weisen aber auch auf die Gelassenheit und Ruhe des späten Enzensberger voraus. Das Fazit „Wir sitzen alle im selben Boot. Doch: Wer arm ist geht schneller unter“, das der Schriftsteller aus der literarischen Aufarbeitung des Titanic–Unglücks gezogen hat, verbindet genau diese beiden Aspekte. Auf der einen Seite die Kritik an der bestehenden gesellschaftlichen Ordnung, auf der anderen Seite die ironische Distanz. Enzensberger selbst hat den Untergang der Titanic einmal als sein Hauptwerk bezeichnet.



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