Die Tochter der Luft

Hans Magnus Enzensberger: Die Tochter der Luft. Ein Schauspiel. Nach dem Spanischen des Calderón de la Barca. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1992.

Umschlag

Das 130 Seiten umfassende Stück hat zwei Teile. Es beginnt mit einem kurzen Vorspiel, durch das der Leser über die Herkunft und das Leben der Titelfigur Semiramis unterrichtet wird. Ihr Name bedeutet übersetzt „Tochter der Luft“. Sie wurde während einer Vergewaltigung gezeugt und nach dem Tod ihrer Mutter, als kleines Kind, von einem Jäger gefangen genommen und in einer Höhle eingesperrt. Man fürchtet sich davor, sie freizulassen, da man prophezeite, dass sie in Freiheit großes Unheil anrichten werde. So ist Semiramis, auch als bereits erwachsener Mensch, noch immer in der Höhle gefangen. Sie wird jedoch von Menon, dem König von Ninive, befreit. Als sie diesen skrupellos verrät, erlangt König Ninus, der Vorgänger, die Macht zurück und nimmt Semiramis zur Ehefrau. Aus dieser Ehe entsteht ihr gemeinsamer Sohn Ninyas, den sie jahrelang in einem Kerker gefangen hält. Im ersten Teil, zwanzig Jahre später, ist Semiramis Königin von Ninive und Babylon. Es stellt sich später heraus, dass sie Ninus vergiftet hat um die Herrschaft über das Reich zu erlangen. Die Prophezeiung ist eingetreten: Semiramis ist überaus kaltblütig und süchtig nach Macht. Sie führt Kriege und hat viele Menschenleben auf dem Gewissen. Nach einen Aufstand des Volkes dankt sie ab, so dass ihr Sohn an die Macht kommt. Er gleicht ihr äußerlich zwar wie ihr Ebenbild, ist sonst jedoch ihr genaues Gegenteil. Zum ersten Mal seit Semiramis Herrschaft ist Frieden. Im zweiten Teil stellt sich heraus, dass ihre Abdankung nur ein heimtückischer Plan war. Sie lässt ihren Sohn wieder einsperren, schlüpft in dessen Rolle und regiert auf diesem Wege als Ninyas weiter. Geschockt und verwundert über dessen vermeintliche Wandlung bilden sich allmählich Verschwörungen gegen Semiramis. Diese wird schließlich in einer großen Schlacht besiegt und getötet.

Das spanische Schauspiel von Calderón de la Barca (1650) ist geprägt von barocker Rhetorik. Es ist ein acht– bis zehnstündiges Stück, das von Enzensberger radikal gekürzt wurde. Der Regisseur Hansgünther Heyme suchte lange Zeit vergeblich gute Übersetzer und Dramatiker, die ihm eine überzeugende und stadttheatergerechte Fassung liefern sollten. Er konnte schließlich Enzensberger dafür interessieren. Es handelt sich nun keineswegs um eine Übersetzung, jedoch versucht Enzensberger die dramatischen Strukturen von Calderon zu übernehmen. Enzensbergers eher lakonische Version des Schauspiels konzentriert sich hauptsächlich auf die politischen und erotischen Konflikte und rückt sie somit in den Mittelpunkt.

Am Schluss des Buches gibt Enzensberger selbst drei Fußnoten zur Tochter der Luft. Der Leser erfährt beispielsweise, dass ausgerechnet Goethe, der als Erzfeind des Extremen bezeichnet wird, behauptete: „Mir ist es das herrlichste von Calderons Stücken.“ Er fragte sich, warum dieses Stück in Deutschland kaum aufgeführt wurde. Enzensberger sieht die Ursache dafür in seinem kunstvoll und extrem langen Text, der oft zu ausschweifend ist und viele Wiederholungen enthält. Ähnlich wie in seiner Rede „Die Entstehung eines Gedichts“ von 1961 beschreibt Enzensberger in der zweiten Fußnote seine einzelnen Arbeitsschritte. Resultat der Bearbeitung des Originals ist eine „rücksichtslose Reduktion“ und ein völlig neugefasster Text. Enzensberger betont, er habe keinesfalls auf der Vorlage „herumtrampeln“, sondern einen Klassiker aktualisieren wollen. In seiner dritten Fußnote bezieht Enzensberger sich erneut auf das Original. Er betont dabei, dass Calderóns Stück zu seiner Zeit einzigartig war, da es z.B. mit seiner offen sexuellen Problematik die Schranken des höfischen Theaters sprengte. Außerdem ist Enzensberger der Meinung, dass Calderon eine der ungeheuerlichsten Doppelrollen der Weltliteratur geschaffen hat, die zu einer heillosen „Verwirrung der Gefühle“ führe.

Eine Kritik von Enzensbergers „Tochter der Luft“, findet man z.B. in Theater heute von 1992. Während der Artikel Eine Sexbombe verpufft von Werner Schulze–Reimpell die Inszenierung des Stücks in Essen, unter anderem mit Gudrun Landgrebe als Semiramis, stark kritisiert, wird Enzensbergers neue Version gelobt: „Das Ergebnis konnte sich sehen lassen und das Repertoire bereichern.“