Schillers Werke. Dritter Band. Gedichte

Friedrich Schiller: Gedichte. Ausgewählt von Hans Magnus Enzensberger. Einleitung: Hans Mayer. Frankfurt am Main: Insel 1966. In: Schiller: Werke. Band 3. S. 5-163.

Titelblatt
1966 erschien im Insel-Verlag eine vierbändige textkritische Ausgabe von Schillers Werken. Der dritte Band dieser Ausgabe enthält ausgewählte Gedichte und Erzählungen Friedrich Schillers. Die Auswahl der Gedichte für den dritten Band nahm Hans Magnus Enzensberger vor. Gerade Enzensbergers Auswahl der Gedichte sorgte dafür, dass diese Schiller-Ausgabe stark kritisiert wurde. Denn unter den ausgewählten Gedichten findet man keinen der Schiller-Klassiker, die normalerweise in einer solchen Ausgabe nicht fehlen. Weder Das Lied von der Glocke noch Die Bürgschaft waren in der Insel-Ausgabe enthalten.
Vor allem das Weglassen von Schillers wohl berühmtesten lyrischen Werk Das Lied von der Glocke war Anlass zur Kritik. Außerdem ist in der Schiller-Ausgabe selbst kein von Enzensberger verfasster Kommentar oder eine Begründung zu der von ihm getroffenen Gedichtwahl zu finden.
Ein paar Gründe für die Auswahl werden aber in der im Band enthaltenen Einleitung von Hans Mayer genannt:
Thomas Mann beschreibt einmal den Rezitationsabend eines berühmten Schauspielers vor den Travemünder Badegästen seiner Jugendzeit. Das Lied von der Glocke wurde vorgetragen. Aber der erlauchte Mime sei wohl der einzige im Saal gewesen, dessen Textsicherheit zu wünschen übrig ließ. Hier hatten die deutschen Deutschlehrer ganze Arbeit geleistet. Das Besitzbürgertum in Deutschland glaubte seinen Schiller zu kennen. Gedichte verwandelten sich im Verlauf eines solchen pädagogischen Prozesse in zusammenhängende Zitate. (S. 479)
Hans Mayer schreibt, dass sich in den Köpfen der Menschen ein Bild von Schiller festgesetzt habe, dass nur auf seinen Gedichten Das Lied von der Glocke und Die Bürgschaft basiere. Jedoch umfasse Schillers Lyrik weit mehr Gedichte, als diese „einen Hausschatz an Lebensmaximen“ und „poetischen Stilisierungen des bürgerlichen Alltagslebens“ bietenden. Die Schiller-Forschung tendiere dazu eben gerade den anderen Teil des lyrischen Werkes von Schiller als dessen wirkliches lyrisches Schaffen anzusehen und Schillers Lyrik somit neu zu definieren. Zu Grunde legt Hans Mayer dieser Einleitung einen Vortrag, der den Titel Schillers Gedichte und die Tradition deutscher Lyrik trägt und im November 1959 in Marbach im Rahmen eines Schiller-Kolloquiums gehalten wurde.
Den Kritikern reichten diese in der Einleitung angeführten Gründe nicht, sie wollten eine Begründung von Enzensberger selbst.
Als Reaktion auf die ungewöhnliche Gedicht-Auswahl, schrieb Marcel Reich-Ranicki in der Zeit am 9. September 1966:
Vor einigen Jahren schrieb Enzensberger im Nachwort zu seinem Essayband Einzelheiten: "Kritik, wie sie hier versucht wird, will ihre Gegenstände nicht abfertigen oder liquidieren, sondern dem zweiten Blick aussetzen: Revision, nicht Revolution ist ihre Absicht." – Bekennt sich hierzu nur der Kritiker und nicht der Herausgeber Enzensberger? Die Glocke oder die Bürgschaft, Dichtungen also, aus denen das deutsche Bürgertum seine Lebensmaximen anderthalb Jahrhunderte lang zu beziehen gewohnt war, haben es - wie immer man diese Verse beurteilen mag - auf jeden Fall verdient, dem zweiten oder, meinetwegen dem hundersten Blick ausgesetzt zu werden. Ein Herausgeber, der diese und ähnliche Balladen kurzerhand entfernt, macht sich, befürchte ich, seine Aufgabe zu leicht: Statt das überkommene Schiller-Bild zu korrigieren, ignoriert er es. Statt zu revidieren, liquidiert er. Damit aber ist nichts gewonnen und manches verloren. Schließlich bleibt die deutsche Schiller-Rezeption in der Vergangenheit ohne Kenntnis eben der Glocke unverständlich [...].
Auf diese und andere Kritiken reagierte Enzensberger im Oktober 1966 ebenfalls durch einen Artikel in der Zeit, in dem er seine Auswahl dann doch noch begründete. Am 28. Oktober 1966 wurde sein Essay Festgemauert aber entbehrlich in der Zeit veröffentlicht. Darin setzt er sich zuerst mit der Entstehungsgeschichte des Lieds von der Glocke und den beiden Strophensträngen des Gedichts auseinander. Nach eingehender Kommentierung des Gedichts folgt die Antwort an seine Kritiker:
Ich begnüge mich mit diesen technischen Hinweisen, und ich versage es mir, gegen einen großen Autor jene Zitate aufzubieten, vor denen längst alle Parodie versagt. Auch die politischen Einsichten, zu denen Schiller im "Lied von der Glocke" gekommen ist, lasse ich unkommentiert. "Wenn sich die Völker selbst befrein, / Da kann die Wohlfahrt nicht gedeihn." Die Zwangsvorstellungen, die den Verfasser packen, wenn er an die Französische Revolution denkt – Weiber mit Pantherzähnen zerreißen bekanntlich, "noch zuckend", bei dieser Gelegenheit des Feindes Herz: Hans Mayer hat sie "sonderbar philiströs" genannt. Damit mag es sein Bewenden haben.
Denn selbstverständlich geht es hier nicht um Schillers politische Ansichten. Daß die so philiströs nicht waren, steht auf einem andern Blatt, auf andern Blättern, in anderen Gedichten. Hier geht es um ein einziges Gedicht, um die Frage nach seinen sprachlichen und intellektuellen Qualitäten. Diese Frage aber ist entscheidbar. Zwischen dem eigentlichen Glockengießerlied und jenem Teil des Gedichts, den ich „Kommentar“ nenne, zeigt sich, formal und substantiell, ein extremes Niveaugefälle. Auf der einen Seite äußerste Ökonomie, auf der anderen uferlose Sprüche; feste rhythmische Formen, lustlose Reimerei; strikte Kenntnis der Sache, unverbindliche Ideologie; verschwiegene Einsicht, plakatierte Trivialität; Größe in der Beschränkung, aufgehäufter Plunder. An der Unvereinbarkeit des einen mit dem anderen scheitert das Gedicht. Daß eineinhalb Jahrhunderte „Schiller-Pflege“ die große erotische Phantasie verdrängt und nichts behalten haben als zwei blöde und nichtssagende Zeilen, dies nämlich, dass vom Mädchen stolz der Knabe sich reiße und kurz darauf errötend ihren Spuren folge, ist allerdings ein Grund schamrot zu werden. Nicht Schiller gilt die Scham.
Damit verlassen wir das Gedicht, damit wenden wir uns seinen Lesern zu. Sie sind es, die „Das Lied von der Glocke“ zum Hauptwerk erhoben und mit Schillers Poesie schlechthin verwechselt haben. Etwas neues ist über diesen Vorgang wohl kaum zu sagen. Bertolt Brecht hat mit Herbert Ihering darüber ein Gespräch geführt, man schrieb das Jahr 1929: und schon damals war es kaum originell, des „kritiklosen Nachplärrens“ der Klassiker auf dem Gymnasium zu gedenken, den „Besitzkomplex“ Schiller und Goethe gegenüber zu rügen und die „Rettung der Klassiker“ vor dem Spießertum zu fordern.
Doch nach wie vor wird kategorisch nach dem Dichterwort verlangt, und zwar nach einem ganz bestimmten Dichterwort:
O! dass sie ewig grünen bleibe,
Die schöne Zeit der jungen Liebe!
Freiheit und Gleichheit! Hört man schallen,
Der ruhge Bürger greift zur Wehr.
Da strömet herbei die unendliche Gabe,
Es füllt sich der Speicher mit köstlicher Habe.
Weh, wenn sich in dem Schoß der Städte,
Der Feuerzunder still gehäuft,
Das Volk, zerreißend seine Kette,
Zur Eigenhilfe schrecklich greift!
Daß sich eine so stürmische Nachfrage allein aus ästhetischen Quellen speist, das allerdings fällt zu glauben schwer. Für ein Urteil über „Das Lied von der Glocke“ reichen literarische Kriterien hin, für ein Urteil über seine Nachwelt nicht.
„Eine Schiller-Ausgabe“, lese ich „die für weite Kreise gedacht ist und auf die ‚Glocke’ verzichtet, scheint von snobistischen Kriterien dirigiert zu sein.“
„Sicher“, lese ich, „wenn man kritisch oder geschmäcklerisch in Schillers Werken herumstochert, findet sich vieles, das man gern in einer großen kritischen Ausgabe bestattet lässt... Aber: Erwartet nicht der Leser - und darf er das nicht erwarten? - daß er wiederfindet, was er in grauer Schulzeit gepaukt hat?“
In solchen Sätzen bildet eine Kritik sich ab, die ihr eigenes Handwerk nicht anders denn als „Stochern“ begreift; eine Kritik, die lauthals die Abdankung der Kritik fordert; eine Kritik, deren Verständnis der Klassiker in dem Wunsch gipfelt, wiederzufinden, was sie in grauer Schulzeit gepaukt hat.
Dagegen lobe ich mir Marcel Reich-Ranicki. Er stellt fest, daß es schon im Jahre 1929 „höchste Zeit war, das Verhältnis (zu den Klassikern) zu überprüfen. Also sie ernst zu nehmen.“ Und er fährt fort: „Der vor rund einem halben Jahrhundert begonnene Revisionsprozeß dauert immer noch an.“
Marcel Reich-Ranicki zählt Schillers „populäre Balladen“ zu „seinen schwächern Arbeiten“; sie seien „ständig missbraucht (worden), längst abgegriffen und abgeleiert“; er „halte es sogar für wahrscheinlich“, daß er vieles „mit beiden Händen unterschreiben könnte“, was ich vermutlich gegen „die von mir übergangenen Gedichte vorbringen würde“.
Dennoch fühlt der Kritiker sich „einigermaßen übers Ohr gehauen“, wenn „er etwa ein Zitat verifizieren will und dabei feststellen muß, daß in seiner Ausgabe die meistzitierten Gedichte Schillers fehlen“.
Diese Argument läuft auf das Verlangen hinaus, unserm Schiller-Verständnis den Pelz zu waschen, es dabei aber keinesfalls nass zu machen. Da soll überprüft und revidiert werden nach Herzenslust: doch wehe dem, der aus dieser Überprüfung Konsequenzen zieht! Wie denn, so frage ich mich und finde keinen Rat, wäre Marcel Reich-Ranicki zu Werke gegangen bei einer Auswahl aus Schillers Poesien? Hätte er die kritischen Waffen gestreckt? Den Klassiker zum unantastbaren Museumsstück, fünfhundert ungelesene Seiten zum nationalen Heiligtum, jede Auswahl zum Sakrileg, erklärt? Oder hätte er den „schwächern Arbeiten“ den Vorzug gegeben, dem „ständig Missbrauchten , längst Abgegriffenem und Abgeleiertem“? Darauf lässt sein kritisches Fazit schließen, in dem als einzige Richtschnur auftaucht: das Meistzitierte.
Das Meistzitierte aber ist identisch mit dem, was der Leser „in grauer Vorzeit gepaukt hat“. Unter den Tisch zu fallen hätte, wenn anders noch eine Spur von Logik gelten soll, der wenig zitierte, der unbegriffene, der nie gepaukte Schiller. Was ist aus den guten Vorsätzen geworden, aus „Revision“ und „Überprüfung“? Heißt das einen großen Schriftsteller „ernst nehmen“, wenn man sein Werk am Büchmann misst, statt Büchmann an seinem Werk? Schiller ist keine Zitatengrube. Nicht ernst nimmt dieses Werk, wer vor seiner Nachwelt kuscht. Ernst nimmt es, wer’s gegen seine Anhänger verteidigt.

Der Insel-Verlag selbst reagierte auf die laut gewordene Kritik an der Schiller-Ausgabe im selben Jahr mit der Veröffentlichung einer Auswahl von Schillers klassischer Lyrik, in der all jene Gedichte und Balladen zu finden sind, die Enzensberger ‚aussortiert’ hatte.

Katrin Bruns
2006

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