Requiem für eine romantische Frau. Die Geschichte von Auguste Bußmann und Clemens Brentano.

Hans Magnus Enzensberger: Requiem für eine romantische Frau. Die Geschichte von Auguste Bußmann und Clemens Brentano. Nach gedruckten und ungedruckten Quellen überliefert von Hans Magnus Enzensberger. Berlin: Friedenauer Presse 1988.

Umschlag

Dieses Buch ist insofern etwas Besonderes in der Reihe unserer Buchvorstellungen, als es, bis auf das Nachwort und die Editorische Notiz, keine Texte enthält, die von Hans Magnus Enzensberger selbst geschrieben worden sind. Es handelt sich um einen so genannten „dokumentarischen Roman“, der authentisches Material in Form von Briefen, Stellungnahmen, Aktenvermerken, Prosa und Lyrik zur Geschichte von Clemens Brentano und seiner zweiten Frau Auguste Bußmann umfasst. Enzensberger hat die verwendeten Quellen ausgewählt und zu diesem Buch zusammengestellt.

Rein äußerlich macht das Buch einen relativ schlichten, unscheinbaren aber interessanten Eindruck. Es ist in dunkel–türkisfarbenem Leinen gebunden und trägt auf dem Deckel das in Gold gehaltene Siegel der Friedenauer Presse, dem Berliner Verlag, in dem es 1988 erstmals erschienen ist. Der Buchrücken trägt im oberen Bereich lediglich den Namen des Herausgebers und den Titel. Das Besondere an der Äußerlichkeit des Buchs ist eine hellgelbe Papiermanschette, die um den Einband gelegt ist und in schwarzer Druckschrift den Titel trägt. Das Buch umfasst 253 Seiten. 223 dieser Seiten zeigen dokumentarisches Material, das, wie bereits erwähnt, hauptsächlich aus Briefen der Brentanos und ihrer Verwandtschaft sowie ihres Freundes- und Bekanntenkreises besteht. Die restlichen 30 Seiten setzen sich zusammen aus der Nachrede und der Editorischen Notiz, aus den Quellenangaben und -nachweisen, sowie aus einem Register der Personen, die in irgendeiner Weise mit den Quellen in Verbindung stehen.

Die Geschichte, die dieses Buch dokumentiert, ist die folgende: Im Sommer des Jahres 1807 ist Auguste, ein Mädchen aus dem Hause der reiche Adelsfamilie Bethmann, gerade 17 Jahre alt und verliebt sich unsterblich in den uns als typischen Vertreter der Romantik bekannten Clemens Brentano. Der 29jährige Clemens ist zu diesem Zeitpunkt bereits verwitwet. Auguste kämpft mit allen Mitteln um die Liebe ihres Angebeteten und schließlich gelingt es ihr mit Hilfe einer „nette Kutschenentführung“, Herrn Brentano zu ehelichen. Sie setzt sich über ihr gesamtes Umfeld, besonders über die Meinungen, Ratschläge und Ermahnungen ihrer Mutter, hinweg und nimmt in Kauf, dass sich viele ihr nahe stehende Menschen wegen dieser Ehe vollkommen von ihr abwenden. Sie folgt konsequent ihrem einzigen Lebensinhalt: der Liebe zu Clemens. Dies tut sie jedoch auf eine intensive und vereinnahmende Art, die Herrn Brentano schnell bemerken lässt, dass er unfähig ist, mit einer solchen Frau zu leben. Der anscheinend sehr konservative Intellektuelle ist den emotionalen Ausbrüchen und dem auf völlige Hingabe fixierten Verhalten seiner Auguste nicht gewachsen. Bereits zwei Monate nach der Hochzeit plagen ihn Zweifel an dem Bündnis. Aus einem ewigen Hin und Her zwischen Zuneigung und Abneigung, zwischen Begierde und Hass, entwickelt sich ein immer heftiger werdender Kampf, der das komplette Programm an Ehedramatik, inklusive einiger Selbstmorddrohungen seitens Augustes, enthält. Darauf folgt nach jahrelangen, schwierigen rechtlichen Verfahren die Ehescheidung im Jahr 1814 – sieben Jahre nach der Hochzeit. Nach einigen Jahren heiratet Auguste ein zweites Mal, bekommt vier Kinder und lebt im Gegensatz zu ihrer Zeit mit Clemens recht konventionell und „bürgerlich-artig“. Es scheint, sie habe sich beruhigt, sich „gefügt“, wie man es immer von ihr erwartet hatte. Sie ist nun überbesorgte Hausfrau und Mutter, die ihre Kinder abgöttisch und mit völliger Hingabe liebt. Im April des Jahres 1832 jedoch, Auguste ist 42 Jahre alt, ertränkt sie sich, angeblich nach einem Streit mit ihrem Ehemann, im Main.

Das Augenmerk richtet Enzensberger bei der Analyse auf die These „dass der Intellektuelle, wenn anders er diesen Namen verdient, eine tragikkomische Figur ist.“1 Vor diesem Hintergrund leistete er später auch intensive Arbeit an den Charakteren Goethes und Diderots in den Büchern Nieder mit Goethe und Diderots Schatten. Bei Brentano jedoch, über den Enzensberger auch promovierte, tut er dies auf eine unvergleichbare Art. Er scheint der Auffassung zu sein, dass die genannten Poeten nicht fähig waren, in der Realität das zu leben, was sie in ihren Werken fordern und heiligen. So sagt er über Brentano: „Brentano selbst, hilflos und selbstgerecht wie er war, hat die Gabe besessen, den wüsten Kampf in Poesie zu verwandeln. (...) Die Dichtung war eine Sache, das wirkliche Leben eine andere.“2 Genau aus diesem Grund ist die Figur der Auguste von so großer Wichtigkeit. Sie setzte im „wirklichen Leben“ um, was Brentano in seinen lyrischen Werken verkündete. Sie scheint Enzensberger die einzig wahre Romantikerin im Kreis der adligen, konservativen Intellektuellen gewesen zu sein. Und diese selbst waren nicht in der Lage, mit der „Fleischwerdung“ und realen Verkörperung ihrer eigens aufgestellten Ideale umzugehen. In der Nachrede, die an Auguste gerichtet ist und in der Enzensberger zu und mit ihr redet, verkündet er, dass er die alten Briefe für sich selbst sprechen lassen will, auf dass sich jeder sein eigenes Bild mache und eine eigene Meinung bilde. Aber er entschuldigt sich bei Auguste für sein indiskretes Verhalten als „Lauscher an der Wand“3 und rechtfertigt dies dadurch, dass er sie lediglich in ein besseres Licht rücken möchte. In den meisten Literaturen werde sie schließlich nur als hysterischer, egoistischer Störfaktor des dichtenden Herrn Brentano erwähnt.

In diesem Buch soll diese außergewöhnliche, meiner Meinung nach sehr anstrengende Frau die Hauptrolle spielen und zu Wort kommen. Enzensberger erweist Auguste großen Respekt, nicht zuletzt, da sie sich (aufgrund ihrer konsequenten, ich wage zu sagen: romantisch–idealistischen Liebe) über sämtliche gesellschaftliche Konventionen hinweggesetzt hat. Da das Buch in diesem Zusammenhang als Widmung in Form einer feierlichen, der Person würdigen „Abschiedsmesse“ verstanden werden kann, in welcher man sich des Lebens der Verstorbenen noch einmal bewusst wird, erklärt sich auch der Titel Requiem für eine romantische Frau. Erwähnt sei, dass das Buch bereits einige Male als Bühnenstück inszeniert und auch in erweiterter Taschenbuchausgabe erschienen ist (vgl. hier unter Nieder mit Goethe!). 1999 wurde auf den Grundlagen von Enzensbergers Arbeit ein Kino– und Fernsehfilm mit gleichnamigem Titel produziert.4



Weitere Ausgaben



1 Hans Magnus Enzensberger: Nachwort. In: Ders.: Diderots Schatten. Frankfurt am Main 1994 S. 389.
2 Zitat Enzensbergers nach Goethe–Institut Helsinki: (http://www.goethe.de/ne/hel/enz6.htm (17.01.2004).
3 Hans Magnus Enzensberger: Requiem für eine romantische Frau. Die Geschichte von Auguste Bußmann und Clemens Brentano. Nach gedruckten und ungedruckten Quellen überliefert von Hans Magnus Enzensberger. Berlin: Friedenauer Presse 1988. S. 225.
4 Dirk Jasper Film Lexikon: http://www.djfl.de (17.01.2004).