Politik und Verbrechen.

Hans Magnus Enzensberger: Politik und Verbrechen. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1964.

Umschlag

In neun Essays, von denen sechs bereits zwischen 1958 und 1963 als Radiobeiträge gesendet worden waren,1 analysiert Enzensberger den Zusammenhang zwischen Politik und Verbrechen. Anhand von charakteristischen Fallbeispielen versucht er zunächst, den besonderen und alsdann den allgemeinen, grundsätzlichen Zusammenhang beider Bereiche herauszuarbeiten. Konkret arbeitet er dabei über so verschiedene Dinge wie den Eichmannprozess (Reflexionen vor einem Glaskasten) oder die Herrschaft des ehemaligen Diktators der Dominikanischen Republik, Rafael Trujillo (Rafael Trujillo – Bildnis eines Landesvaters). In Bezug auf die Absicht, mit der er das Buch geschrieben hat, äußert Enzensberger darin selbst: Er wolle „den Blick auf eine Zukunft schärfen, die noch vermeidbar ist“2, damit Fehler in der Vergangenheit nicht noch einmal gemacht werden. Er wolle also „alte Geschichten neu erzählen“ (ebd.). Der Stil, in dem Enzensberger seine Essays schreibt, kann nicht zuletzt deswegen als „demonstrierende Argumentation, welche den Leser einbezieht“3 treffend charakterisiert werden.

Die Reaktionen auf den Essayband Politik und Verbrechen waren ebenso zahlreich wie unterschiedlich. Ein häufig geäußerter Vorwurf war, Enzensbergers Äußerungen seien subjektiv und schlecht recherchiert. Der Kritiker Johannes Gross schrieb, dass „der Verfasser ausschweifend urteil[e]“ und „seiner Subjektivität vertrau[e], wo ein Blick ins Geschichtsbuch besser gewesen wäre [...]“4 , und urteilte, daß Enzensberger die Aussage (und somit den Wert) seines Werks schon dadurch auf die „Pointe im Titel“ (Gross, S. 160) reduziert habe, dass er nicht schreibe ‘Politik ist Verbrechen’, obwohl genau das die Aussage seiner Essays sei und der Leser nach der Lektüre des Titels alles Wichtige wisse. Kepplinger hielt Enzensbergers Essays für „vergleichbar mit drittklassigen Illustriertenstories“ (Grimm, S. 55), und Hannah Arendt weigerte sich gar, Politik und Verbrechen zu rezensieren, weil es ihr zu schwierig erschien, „das ganz Ausgezeichnete von dem Verfehlten zu scheiden“ (Grimm, S. 58).

1966 erschien Politik und Verbrechen in modifizierter Form unter dem Titel Politische Kolportagen als Taschenbuch im Fischer Verlag. Insofern Kolportageromane seit jeher für anspruchslose Sensationsliteratur galten, ist es wahrscheinlich, daß Enzensberger mit der Veränderung des Titels selbstironisch auf die Vorwürfe seiner Kritiker reagierte.



Weitere Ausgaben

Inhalt



1 Reinhold Grimm: Hans Magnus Enzensberger. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1984. S. 54. Im Folgenden zitiert als Grimm, Seitenangabe.
2 Hans Magnus Enzensberger: Politik und Verbrechen. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1964. S. 1. Im Folgenden zitiert unter einfacher Seitenangabe.
3 Kritisches Lexikon der Gegenwartsliteratur: Hans Magnus Enzensberger. S. 7.

4 Johannes Gross in: Über Hans Magnus Enzensberger. S. 165. Im Folgenden zitiert als Gross, Seitenangabe.