Einladung zu einem Poesie-Automaten.

Hans Magnus Enzensberger: Einladung zu einem Poesie-Automaten. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag 2000 (edition suhrkamp, 2156). 74 Seiten. Der vordere Buchdeckel innen und die erste Seite sowie die letzte Buchseite und der hintere Buchdeckel innen sind bedruckt mit der zusammenhängenden Planskizze und der Gerätebeschreibung eines Computers, datiert auf das Jahr 1999. Dabei handelt es sich wohl um die Planskizze des im Verlagstext erwähnten Automaten. Auf S. 5: ganzseitige Schwarzweißphotographie des Autors von Isolde Ohlbaum.

Umschlag

Aus Enzensbergers Vorbemerkung: „Vor gut fünfundzwanzig Jahren war mir ausnahmsweise einmal langweilig zumut. Die politische Bewegung hatte sich in Katzenjammer, Sektiererei und Gewaltphantasien aufgelöst, und meine langfristigen literarischen Projekte kamen nicht recht voran. Ich zog mich auf gewisse Denk- und Sprachspiele zurück, die den Vorzug des Obsessiven hatten. Je härter die Nüsse waren, die es zu knacken galt, desto besser. Einer solchen Fluchtbewegung verdankt sich das Projekt eines Poesie-Automaten, den ich damals entwarf. [...] An eine Veröffentlichung meiner Ergebnisse habe ich nicht gedacht, geschweige denn an die Verwirklichung, das heißt, an den Bau meines Automaten, der im übrigen recht kostspielig gewesen wäre. Es gefiel mir, daß kaum jemand wußte, was ich trieb.“(S. 13-14) Erst als ein Organisator des Lyrikfestivals 2000 zum zweitausendjährigen Bestehen der Stadt Landsberg am Lech den Bau des Apparates beim Stadtrat durchsetzte, entschloß sich Enzensberger, den Text von 1974 zu veröffentlichen. Die Abhandlung ist in vier Abschnitte gegliedert: Beschreibung, Theorie, Weiterungen und technischer Anhang. Sie setzt beim gewöhnlichen Sprecher einer Sprache mit endlichen Mengen von Elementen und Verfahrensregeln an und versucht, für den Fall des Deutschen, diesen Sprecher als einen Automaten zu beschreiben, der mit Hilfe von Grammatik und Lexikon beliebig viele richtige Sätze produziert. Enzensberger wiederholt und variiert hier Grundannahmen der strukturalistischen Sprachtheorie (Bierwisch, Fodor/Katz, Chomsky), die an einfachen Beispielen veranschaulicht werden. Realisierbar wäre der Automat als elektromechanische Anzeigetafel (Flap-Board-System), wie sie vielfach auf Bahnsteigen oder Flughäfen in Gebrauch sind. Zu definieren sind dann eine endliche Zahl von Wörtern (Lexikon) und Verknüpfungsregeln (Grammatik), die Zahl der Zeilen und die Zahl der syntaktischen Elemente pro Zeile, die dann in regelmäßigen Intervallen oder auch auf Knopfdruck per Zufallsgenerator je neu kombiniert werden und mehr oder weniger interessante Texte hervorbringen.

Enzensberger begreift seine Überlegungen in der Nachfolge der von Lullus begründeten mathematischen Kombinatorik und von kombinatorischen Poetiken Athanasius Kirchners, Quirinus Kuhlmanns, Novalis’, Mallarmés und Queneaus. Im Mittelpunkt seiner grundsätzlichen Reflexionen steht die Absicherung der sprachlichen Richtigkeit der Sätze, sekundär stellt sich dann die Frage nach der Herstellbarkeit von Poetizität. Und obwohl er nur die Rahmenrichtlinien für ein Programm des Automaten, noch nicht das Programm selbst schreibt, erwägt er doch schon mögliche literaturkritische Einwände. Der Autor des Programms werde „sein blaues Wunder erleben, sobald seine Kreatur anfängt, Gedichte zu produzieren. Daß dabei kraße Niveauschwankungen auftreten werden, ist noch das Mindeste. Ganz gleich nach welchen Kriterien man ihre Qualität beurteilt – es werden sicherlich bald ‘schlechtere’, bald ‘bessere’ Texte zum Vorschein kommen. Je konsistenter das Programm, desto geringer werden diese Schwankungen ausfallen. Umgekehrt: interessante Gedichte wird vermutlich nur ein Programm liefern, das möglichst viele Freiheitsgrade zuläßt; das hat aber auch zur Folge, daß die überwiegende Mehrzahl eher mittelmäßig, wenn nicht miserabel ausfällt Đ eine statistische Verteilung, die aus dem ‘wirklichen’ literarischen Leben wohlbekannt ist und gegen die auch der beste Automat nichts ausrichten kann.“(S. 51)

Solche und andere ironische Bemerkungen machen nicht nur die Lektüre des Textes trotz seines Aufwandes an formaler Analyse vergnüglich, sondern zeigen auch, daß das Projekt so privat und versponnen nicht war, wie der Autor behauptet. Solche Sätze sind auf Wirkungen beim Leser bedacht. Daß dies durchaus auch mögliche Leser im Jahr 1974 waren, zeigt der Abschnitt über „Medientheoretische Gesichtspunkte“ besonders deutlich. Hier wird der im späten Vorwort beschriebene politische Katzenjammer als Vorgeschichte des Schreibens augenfällig, wenn Enzensberger vorschlägt, die konservierende (und also auch gesellschaftlich konservative?) Funktion von Büchern mit solchen Automaten hinter sich zu lassen. Ihr Funktionsprinzip lasse keine Rekonstruktion früherer Zustände des Systems mehr zu, einmal überschriebene Texte seien verloren, nicht mehr verfügbar, die Produktivität des Automaten laufe daher „der Möglichkeit ihrer Vervielfältigung“ davon. Sie sabotiere „die Möglichkeit, die Texte [...] zu archivieren, sie in Waren zu verwandeln und in Besitz zu nehmen.“(S. 55) Auch die Unterscheidung von Autor und Publikum verliere, unter dem Einfluß der offenen Frage, ob es überhaupt einen Autor dieser maschinell erzeugten Texte gebe, ob etwa der Programmierer diese Bezeichnung verdiene oder nicht vielmehr der Betrachter, der in spielerischer Absicht den Zufallsgenerator in Gang setzt, „an grundsätzlicher Bedeutung“, wie Enzensberger Benjamins Kunstwerk-Aufsatz zitiert. (S. 58) So wird selbst das aus der Langeweile geborene Projekt des Poesie-Automaten schließlich doch noch zu einer engagierten Stellungnahme in den damals aktuellen Debatten über Warenästhetik und operative Kunst.