Poesiealbum 84

Poesiealbum 84: Hans Magnus Enzensberger. Auswahl von B. Jentzsch. Berlin: Verlag neues Leben 1974.

Umschlag

Bernd Jentzsch, Lyriker und Lektor im Verlag Neues Leben, begründete 1967 die ostdeutsche Publikationsreihe Poesiealbum, deren Nummer 84 1974 Hans Magnus Enzensberger gewidmet wurde. Das Heftchen umfasst insgesamt 27 Gedichte, davon sind 26 von Hans Magnus Enzensberger selber. Sie sind entnommen aus dessen ersten vier Lyrikbänden verteidigung der wölfe (1957), landessprache (1960), blindenschrift (1964) und Gedichte 1955–1970 (1971). Aus letzterem stammen Lied von denen auf die alles zutrifft und die alles schon wissen, Hommage à Gödel, Die Scheiße und Rondeau. Das Gedicht Nicht Zutreffendes streichen ist ein Erstdruck. Die abstrakte Zeichnung auf dem Umschlag und die doppelseitige Grafik in der Mitte des Heftchens sind von dem Karlsruher Grafiker Horst Antes.

Die erste Seite des Heftes ist Enzensberger selbst gewidmet. Hier äußern sich Karl Krolow, Peter Rühmkorf, Alfred Andersch und Dieter Schlenstedt zu ihm und seiner lyrischen Arbeit. Darauf folgt ein kurzer Lebenslauf mit Auflistung seiner Veröffentlichungen. Am Ende der Seite befindet sich ein kurzes Gedicht von Volker Braun, das wohl an Enzensberger gerichtet ist: „Du bist der Konsequenteste von uns, du gehst ans Ende / Deiner Weisheit. Der Kämpfer gegen die Schlächter / Bleibt in der Schlachtschüssel.“ Auf der letzten Seite ist das Gedicht HME von Johannes Bobrowski abgedruckt, das zu seinen Xenien über die Gruppe 47 gehört: „Heute am Nordkap und morgen auf Delos, dem russischen Bären / sink ich ans Herz – und wohin sink ich dem Lama Perus? / Dichte ich nach (aus siebzehn der unverständlichsten Sprachen) / oder dichte ich vor, – überall bin ich zuerst.“

Zu den Gedichten Enzensbergers in dieser Ausgabe ist nichts Neues zu sagen. Es ist die Reihe Poesiealbum an sich und deren Geschichte, welche diese Ausgabe außergewöhnlich machen. Die Reihe wird heute als „einzigartiges Ereignis in der deutschen Verlagsgeschichte“ bezeichnet, ihr Erfolg war und ist beispiellos. Als die staatlich in Gang gebrachte „Lyrikwelle“ in der DDR ihrem Ende entgegensah, griff Bernd Jentzsch die Idee der Kampagne auf und gab ihr mit dem Poesiealbum eine feste Form unter der Obhut des Jugendbuchverlages: eine Publikationsreihe, die, wunschgemäß, der Jugend auf populäre Weise wertvolle Dichtung der Vergangenheit und Gegenwart, besonders aber auch die neue sozialistische Lyrik der DDR bekannt machen sollte.

Es entstanden in rund 25 Jahren insgesamt 275 Hefte, die Lyrik aller Weltkulturen in die DDR brachten, darunter viele Erstauftritte von „Lyrikern der DDR und Lyrikern der Welt in der DDR“. Das äußere Erscheinungsbild zeugt von Kontinuität: Immer im Umfang von 32 Seiten mit doppelseitiger Graphik im lang gestreckten Format, zum Preis von 90 Pfennig in einer Auflage von 10.000 Exemplaren. Das Poesiealbum war für jedermann erhältlich an Zeitungskiosken und in allen Buchhandlungen. „Am besten ist ein Abonnement bei der Deutschen Post“, so steht es auf der letzten Seite. Das alles machte es im Laufe der Zeit zu einer beispiellosen Publikationsreihe. Als Grund für den großen Erfolg wird die „stimmig Korrespondenz zwischen Poesie, Publikation, Preis und Publikum“ gesehen. So riskierte es die Regierung der DDR nicht einmal, das Poesiealbum aufzulösen, als Bernd Jentzsch im Zuge der Biermann–Affäre seine Aufgabe als Herausgeber niederlegte und sich öffentlich vom Staat distanzierte. Das Poesiealbum wurde für die jungen Leute in der DDR der „Türöffner zur Weltlyrik“. „Weil das Poesiealbum da war, verloren Generationen von DDR–Bürgern die Lyrik nicht aus dem Blick“. Es gab im Laufe der Zeit einige Versuche, das Format des Lyrik–Magazins zu kopieren, doch der Erfolg des Poesiealbums blieb einzigartig.