Persien

Bahman Nirumand: Persien, Modell eines Entwicklungslandes oder Die Diktatur der Freien Welt. Nachwort Hans Magnus Enzensberger. Reinbek: Rowohlt Taschenbuch 1967. 156 Seiten.

Umschlag
Die deutsche Erstausgabe dieser Monographie aus dem Jahr 1967 ist in acht Kapitel eingeteilt, die wiederum untergliedert sind (vgl. Inhalt). Weiterhin finden sich im Inhaltsverzeichnis die politische Geschichte des Iran seit 1900 in Stichworten, eine Nacherinnerung von Hans Magnus Enzensberger sowie ein Namenregister.

„Dieses Buch, als erstes in Westeuropa“, so ein anonymer Kommentator des Werkes, „sagt die Wahrheit über den Iran: nicht Gaukelberichte von Sorayas Leid und Farah Dibas Glück, nicht des Schahs Eskapaden beim Perlenkauf oder beim Skilaufen in Zürs erfährt der Leser.“ Diese kritische Auseinandersetung mit dem Iran entstand auf Anregung Hans Magnus Enzensbergers. Enzensberger schreibt in seinem fünfseitigen Nachwort, betitelt mit „Unsere weißen Hände“ und datiert auf den Juli 1966: „Die iranische Ausnahme zeigt die Regel des Spiels: Seit Jahr und Tag lügt uns die ganze europäische Presse über die armen Länder und unser Verhältnis zu ihnen an, nachdrücklich, konsequent und mit dem Eifer derer, die wissen, was sie tun. So wenig Glauben wie die Märchen vom Pfauenthron verdienen die Tatarennachrichten aus dem Kongo, die Sagen von goldenen Betten und von selbstloser Entwicklungshilfe. Der Iran ist ein Modell für die große Lüge. Wer dieses Modell besichtigt hat, der weiß: was man uns vorsetzt über Guatemala und Vietnam, über Angola und Indonesien, das ist im Zweifelsfall erlogen“ (S.150).

Von entscheidender Bedeutung ist dieses Werk wohl auch wegen des Zusammenhangs mit dem Besuch des Schahs von Persien am 2. Juni 1967 in Berlin, auch wenn die zeitliche Nähe zwischen der Veröffentlichung und dem Besuch des Schahs von Persien rein zufälliger Natur war.

Der erschütternde Umschlagentwurf wurde von Werner Rebhuhn unter Verwendung von drei Fotos gestaltet (vgl. Materialien). Sie stellen gewaltsame Grausamkeiten dar: Oben links auf dem Buchrücken ist der Journalist Karimpour Schirazi zu sehen, der im Gefängnis verbrannt wurde, rechts daneben ist ein Mitglied der Iranian National Front nach einem Verhör unter Anwendung der Folter abgebildet, und unten ist eine Fotografie von der Erschießung politischer Häftlinge abgedruckt. Der schwarze, zum Titel senkrecht verlaufende Text der Vorderseite beschreibt grausame Foltermethoden, mit denen Angeklagte gequält werden. So nüchtern wie die Bilder erscheinen, gibt Enzensberger auch in seinem Nachwort Beweise, die die zentrale Frage der damaligen Weltpolitik verhandeln. In einem kühlen und sachlichen Ton hält er fest, dass es sich um einen Kampf handelt, „bei dem es um Leben und Tod für hunderte von Millionen geht. […] Dieses Buch spricht nur von einem einzigen Land. Es spricht von einem Detail: zweiundzwanzig Millionen Menschen sind, aufs unvorstellbar Ganze gesehen, ein Detail. In dieser Beschränkung liegt die Kraft des Buches“ (S. 149).

Am Ende seines Nachwortes weist Enzensberger mahnend auf den Titel seiner Nacherinnerung zurück: „Jetzt stellen wir das Buch zu den anderen Büchern ins Regal. Dann betrachten wir sorgfältig unsere Hände. Sie sind völlig leer, und merkwürdig weiß“ (S. 154).

Christina Keimes
2006

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