Nomaden im Regal

Hans Magnus Enzensberger: Nomaden im Regal. Essays. Frankfurt am Main: Suhrkamp 2003.

Umschlag

Der Essayband Nomaden im Regal ist zum 40. Geburtstag der edition suhrkamp erschienen und scheint ganz im Sinne der Absicht derselben zu stehen: „Gleichwohl bergen die Texte noch Sprengstoff, und zumal im Ambiente einer Reihe, die - wie es die edition suhrkamp während vierzig Jahren vornehmlich wollte - Gesellschaftskritik von links her betrieb.“1 Das Buch umfasst 17 Essays, von denen sechs bisher noch nicht in Buchform erschienen sind, sondern lediglich in Zeitungen oder Zeitschriften veröffentlicht wurden, so z. B. in der FAZ oder im Spiegel.

Der erste Essay ist ein leicht bearbeiteter Nachdruck von Enzensbergers Rede zum Ernst-Robert-Curtius-Preis für Essayistik. Er gibt zugleich dem Buch den Titel. Über die unaufhaltsame Verbesserung der Welt aus dem Jahr 2002 findet in diesem Band seinen Erstdruck. Die übrigen Essays stammen aus Enzensbergers Werken Politische Brosamen (1982), Mittelmaß und Wahn. Gesammelte Zerstreuungen (1988), Der fliegende Robert (1989) und Die Elixiere der Wissenschaft. Seitenblicke in Poesie und Prosa (2002).

Bei einem Buch mit einem solch sonderbaren und gleichzeitig witzigen Titel, bleibt die Frage nach der Verbindung zwischen dem Inhalt und den Nomaden im Regal nicht lange ungestellt. Enzensberger spielt mit dieser Betitelung auf das durch den Essay bedingte Schicksal der Buchhändler an, die mit großen Schwierigkeiten versuchen, ihn in ein passendes Regal ihrer Verkaufsräume einzuordnen, aber keines finden und schließlich wissen möchten: „Wohin damit?“. Er beschwert sich jedoch nicht über diese Tatsache, sondern sieht die Probleme bei der Zuordnung als Auszeichnung und Kompliment für den Essay an, den selbst die Verleger „mit spitzen Fingern“ anfassen. Essays scheinen, aufgrund ihrer außergewöhnlichen Form und des oft dialektischen, nicht an Lösungen, sondern an Diskussionen orientierten Inhalts, nicht marktgerecht zu sein. Und gerade deswegen sind sie von höchstem Interesse für den kritischen Autor Enzensberger, der den Essay als „Außenseiter par excellence“ bezeichnet und dies durchaus mit gewissem Stolz und leichtem, hämischem Grinsen tut. Wenn man nun diese Essayzusammenstellung grob charakterisieren möchte, so kann man sagen, sie leistet sich einen „Blick des Realismus auf die Phänomene der modernen Doppelmoral“ (ebd.). Dies geschieht, wie nicht anders zu erwarten, in einem „lockeren Ton“ (ebd.) und mit der nötigen Portion Ironie, kurz gesagt: intelligente Gesellschaftskritik à la Enzensberger.

Drei Eigenschaften des Autors treten in diesem Band besonders hervor. Zum einen ist da das Verständnis naher und fremder Kulturen, bedingt durch seine praktizierte Reiselust. Des Weiteren spiegeln die Essays die Fähigkeit zur Selbstbeobachtung und damit die „Einsicht in die Ambivalenz unseres Tuns im Verhältnis zwischen Theorie und Praxis“ (ebd.) wider. Ebenso durchzieht Enzensbergers „Tugend des Erbarmens“ die Aufsätze und bringt den Ruf nach der „Entlastung des Menschen von der absoluten Verantwortung gegenüber Zeit und Welt“ hervor. Die zentrale Rolle in der Themenwahl spielt das „Vor-Urteil“ und die „Pauschalisierung“; Enzensberger sagt dies so: „Vom Nahost-Konflikt bis zum Prosastreik, von der Prunk-Mode bis zur Reaktorkatastrophe wird alles und jedes aufgefasst als obskures Zeichen für eine imaginäre Totalität, ‘die Katastrophe überhaupt’. Die Tendenz zur vorschnellen Verallgemeinerung beschädigt den Rest von klarem Denkvermögen, der uns geblieben ist.“

Im Dialog über den Luxus beispielsweise beleuchtet der Autor den Begriff auf ungewöhnliche Weise und fragt, ob Luxus denn tatsächlich das sei, worunter wir Menschen in der Gesellschaft uns allgemein das schöne Leben vorstellen. Ebenso nimmt Enzensberger im Lob des Analphabetentums eine völlig neue Perspektive ein und kritisiert das gern angewandte Mitgefühl für Analphabeten. Er schenkt der Tatsache Beachtung, dass jeder sechste der Weltbevölkerung weder lesen noch schreiben kann, und dass, wenn man die Vergangenheit in die Überlegung miteinbezieht, Analphabeten nicht die Minderheit sondern die Mehrzahl bildeten. Die Fähigkeit, lesen und schreiben zu können, gelangt demnach erst durch gesellschaftliche Konventionen zu Wert und scheint nicht ein generelles Kriterium für das glückliche menschliche (Über-)Leben zu sein.

Nicht zuletzt durch die Nähe zum Leser, die Enzensberger durch die nette, ironische Kritik an jedem einzelnen von uns erzeugt, gibt dieser Essayband so manchen Denkanstoß und fördert den Willen zur genaueren Betrachtung unseres Verhaltens und unserer Gewohnheiten. Um es mit den Worten des Rezensenten der Neuen Züricher Zeitung, Martin Meyer, zu sagen: „Summa summarum ist vieles gesagt, was den Ideenfluss belebt, die Tüchtigkeit des freien Denkens ermuntert. A rebours, wider den Strich: Das Rezept des sanften Polemikers heisst Gegenverkehr statt Einbahnstraße.“ (ebd.)




Inhalt



1Martin Meyer: Nähe und Nachsicht. In: Neue Zürcher Zeitung vom 05.06.2003.