Nieder mit Goethe! Eine Liebeserklärung / Requiem für eine romantische Frau. Ein Liebeskampf in sieben Sätzen

Hans Magnus Enzensberger: Nieder mit Goethe! Eine Liebeserklärung / Requiem für eine romantische Frau. Ein Liebeskampf in sieben Sätzen. Frankfurt am Main: Verlag der Autoren 1995.

Umschlag

Hans Magnus Enzensbergers Taschenbuch Nieder mit Goethe! Eine Liebeserklärung / Requiem für eine romantische Frau. Ein Liebeskampf in sieben Sätzen ist 1995 als Band der Theaterbibliothek im Verlag der Autoren in Frankfurt am Main erschienen. Sein Inhalt besteht aus drei Teilen: Nieder mit Goethe! (Seite 7-42), Requiem für eine romantische Frau (Seite 43-92) und Über den Anachronismus. Eine Nachbemerkung (Seite 95-96). Der Klappentext gibt aus einem Auszug aus dieser Nachbemerkung. Auf der Rückseite des Buches findet sich das folgende Goethe-Zitat: „Die lassen mich alle grüßen und hassen mich bis auf den Tod!“

Nieder mit Goethe! ist ein Theaterstück im Stil einer modernen Talkshow. Vier Studiogäste, die mit Goethe zum Teil persönlich bekannt sind und ihrer Kleidung sowie ihrem Benehmen nach aus dem frühen 19. Jahrhundert stammen, werden von einem moderierenden „Fernsehstar“1 aufgefordert, sich zum Charakter und zum Werk des deutschen Dichterfürsten zu äußern. Dieser ist, obwohl er eingeladen wurde, nicht selbst anwesend. Es heißt, er sei nicht bereit, „sich der Kamera zu stellen“ (S. 12). Zunächst ereifern sich die anwesenden Studiogäste über Goethes Erscheinungsbild und seine ausschweifenden Liebeshändel, später polemisieren sie gegen Goethes politisches Engagement und dessen ausgeprägten Hang zur Überheblichkeit. Sein Werk bezeichnen sie als charakterlos und verderbt. Auffällig ist dabei, daß die vier Studiogäste, obwohl sie in ihrer Geringschätzung für Goethe übereinstimmen, oft aneinandergeraten und unsachlich werden, so daß der Moderator versuchen muß, zwischen ihnen zu vermitteln oder sie zu mäßigen. Jeder einzelne der Studiogäste scheint darauf aus zu sein, Goethe auf seine ganz spezifische Art zu kritisieren und zugleich gegen die Vorwürfe der anderen zu verteidigen. Obwohl sie ihn allseits verunglimpfen, so scheint es also, bleibt Goethe ihre zentrale Identifikationsfigur. Nur in Bezug auf ihn, den abwesenden und kritisierten Dichter, erscheinen sie als Persönlichkeiten.

Eingeleitet wird das Theaterstück mit einem „Vorspann“, in dem Goethe anregt, außer seinen Freunden auch seine Feinde zu Wort kommen zu lassen. Beschlossen wird das Theaterstück mit einem „Abspann“, in dem die Grablegung Goethes dargestellt und von drei Sprechern kommentiert wird. Am Ende des Stückes weist Hans Magnus Enzensberger darauf hin, daß er die Äußerungen der vier Studiogäste nach authentischen Zitaten von Goethes Zeitgenossen montiert hat. Das zweite Theaterstück ist die szenische Bearbeitung des einige Jahre zuvor erschienenen dokumentarischen Romans Requiem für eine romantische Frau (siehe hier unter Requiem für eine romantische Frau). Wie dieser handelt das Theaterstück von der Liebes- und Leidensgeschichte der Auguste Bußmann und des Clemens Brentano. Wie bei Nieder mit Goethe! steht damit auch im zweiten Stück eine Dichterfigur im Mittelpunkt des Geschehens. An der Darstellung dieser Dichterfigur ist freilich besonders, daß sie doppelt auf der Bühne vertreten ist. In „Clemens I“ erscheint sie als Dichter und in „Clemens II“ als Bürger, als „empirische Person“ (S. 45). In den sieben Szenen des Stücks wird das Liebesverhältnis der beiden Hauptpersonen stationsweise abgeschritten und mit Clemens Brentanos Arbeitsprozeß am Sonett „Verzweiflung in der Liebe an der Liebe“ überblendet. Während „Clemens II“ in dem Theaterstück, das wie das vorangegangene aus authentischen Zeugnissen zusammenmontiert ist, als roher und hartherziger Mensch erscheint, so erscheint „Clemens I“ darin als Muster des romantischen Genies, dem es gelingt, seine unbegreifliche Haßliebe zu Auguste Bußmann in Poesie zu übersetzen. Die Unterschiedlichkeit von „Clemens I“ und „Clemens II“ macht dem Leser den historischen Clemens Brentano ebenso merkwürdig wie die vier Studiogäste aus Nieder mit Goethe!, deren Gebundenheit an Goethe gerade dadurch offensichtlich wird, daß sie sich scharf von ihm abgrenzen.

In der Nachbemerkung Über den Anachronismus stellt Hans Magnus Enzensberger fest, daß der Anachronismus zum „unentbehrlichen Psychopharmakon der technischen Zivilisation“, ja gewissermaßen zum „Antidot ihrer Zukunfts-Sucht“ (S. 93) geworden sei. Und in Bezug auf seine beiden Theaterstücke reklamiert er, sich mit den zwei Dichtern zwei anachronistischen Geistern par excellence gewidmet zu haben: „Die beiden Texte, die hier in einem Band zusammengefaßt sind, können als Fingerübungen zur Entzifferung solcher (anachronistischen) Zusammenhänge gelesen und gespielt werden. Dargestellt werden, auf verschiedene Weise, zwei exemplarische Figuren, von denen jede ein folgenreiches mediales Kunstwerk hervorgebracht hat. (…) Goethe kann als Erfinder der „Persönlichkeit“, Brentano als Produzent der „romantischen Liebe“ gelten. In beiden Fällen handelte es sich um Selbstversuche. Der Autor war jedesmal zugleich Experimentator und Versuchsperson.“ (S. 94)



Materialien

Inhalt



1Hans Magnus Enzensberger: Nieder mit Goethe! Eine Liebeserklärung / Requiem für eine romantische Frau. Ein Liebeskampf in sieben Sätzen. Frankfurt am Main: Suhrkamp 2004. S. 8. Im Folgenden zitiert unter einfacher Seitenangabe.