Natürliche Gedichte

Hans Magnus Enzensberger: Natürliche Gedichte. Frankfurt am Main: Insel 2004. (Insel–Bücherei, 1257)

Umschlag

Die Sammlung Natürliche Gedichte ist anlässlich des 75. Geburtstags des Autors 2004 im Insel Verlag als kleiner Hardcover–Band erschienen. Sie umfasst 31 Gedichte auf 80 Seiten und wird ohne Schutzumschlag ausgeliefert. In der ersten Auflage wurden – sozusagen als Geburtstagsgruß – die Überschriften und Initialen der Gedichte hellgrün gedruckt.

Der Wolkenhimmel, der sich über die komplette Außenseite des Bandes erstreckt, wie auch der Titel Natürliche Gedichte deuten bereits das Thema der Sammlung an. Das Verhältnis der Menschen zur Natur und zur Naturlyrik gibt den Rahmen vor und wird von Enzensberger in einer Nachbemerkung erläutert. „Grün ist gut“1 , erklärt er dort gleich zu Beginn. Doch obwohl die Menschen heutzutage der Natur sehr wohlwollend gegenüber stünden, habe die Naturlyrik nach wie vor einen schlechten Ruf. Den Grund dafür sieht er in der Diskrepanz zwischen den idyllisch verklärten Bildern, die viele Naturlyriker vermitteln wollen, und der weitaus trostloseren Realität. „Die Nachtigallen aus den Wanderliedern sind verstummt. Auch lassen sich in der ‘freien Natur’ eher Mountainbikes und Motorsägen vernehmen als Waldhörner“ (S. 73). Das bedeutet für ihn nun aber nicht, dass man keine Naturlyrik mehr verfassen könne. Nur Gedichte, „die sich dumm stellen“ (S. 74) und die Erkenntnisse ihrer Zeit ignorierten, verdienten Herablassung.

Das Wort ‘natürlich’ im Titel, so schreibt der Autor weiter, sei gemäß dem Grimmschen Wörterbuch zu verstehen als: „auf die natur in ihren verschiedenen bedeutungen bezüglich, ... in bezug auf die schaffende, bildende, verändernde, erhaltende und ordnende kraft und die daraus hervorgehende beschaffenheit der gesammtnatur, ihrer teile oder geschöpfe, ... von der natur handelnd, die natur erforschend, naturkundig“ (S. 74). Dies spiegelt sich auch in der Auswahl der mit einer Ausnahme bereits an anderer Stelle veröffentlichten Texte wider. Die Art und Weise, wie die Texte mit dem Oberthema in Verbindung stehen, variiert stark. Oft scheint der einzige Berührungspunkt wirklich darin zu liegen, dass die Natur in irgendeiner der genannten Manifestationen dargestellt wird.

Für wie bedeutsam Enzensberger die Natur hält zeigt sich in dem letzten Gedicht des Bandes: „H2O“, dem einzigen Text, der zuvor noch nicht an anderer Stelle veröffentlicht wurde. Er beschreibt nicht die Schönheit des Wassers, sondern zeigt vielmehr auf, wie wichtig Wasser für uns Menschen ist: „weil unser Gehirn, / gäb es kein Wasser, / nicht dächte. / [...] Sicherlich, Blut ist dicker, / doch unerlöst klumpt es, / stirbt schwarz an der Luft. / Auch mit der Fortpflanzung / sähe es trübe aus.“ (S. 70) Damit setzt er um, was er in seiner Nachbemerkung auch theoretisch formuliert: Die Zeilen sind weit entfernt von dem „Hang zur Idylle, schlimmer noch, zum Biedermeier“ (S. 73). Enzensberger schreibt über die Natur, ohne dass er „hinter den kognitiven Möglichkeiten seines Jahrhunderts zurückbleibt“ (S. 74).



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Inhalt



1 Hans Magnus Enzensberger: Natürliche Gedichte. Frankfurt am Main: Insel 2004. S. 73. Im Folgenden zitiert unter einfacher Seitenangabe.