Mutmaßungen über die Poesie.

Hans Magnus Enzensberger und Raoul Schrott: Mutmaßungen über die Poesie. Lesungen und ein Gespräch. Hrsg. von Denis Scheck und Hubert Winkels. Frankfurt am Main: Eichborn 1999.

Umschlag

Mutmaßungen über die Poesie ist die Mitschrift eines Gesprächs zwischen Hans Magnus Enzensberger und Raoul Schrott, einem der jüngeren deutschsprachigen Autoren, Lyriker, Herausgeber, Essayist und Übersetzer. Enzensbergers Museum der modernen Poesie und Schrotts Erfindung der Poesie, das etwa 35 Jahre später in der von Enzensberger herausgegebenen Anderen Bibliothek erschien, brachte die beiden Rundfunkredakteure Hubert Winkels und Denis Scheck auf die Idee zu diesem Gespräch. Auf zwei beigegebenen Hör–CDs findet sich die Tonaufnahme der ursprünglichen Erstsendung im DeutschlandRadio.

Inhaltlich wechselt der Text zwischen Gespräch und Gedichtlesungen. Enzensberger und Schrott greifen hierbei aber nicht auf ihre eigenen Werke zurück, sondern tragen viele ältere Gedichte vor, die von Dichtern verschiedener Hochkulturen stammen. Einige davon werden sogar in ihrer Originalsprache, darunter Altgriechisch und Sumerisch, gelesen.

Man kann das Gespräch in acht Sinnabschnitte unterteilen. Zunächst wird die ganz frühe Poesie und ihre Entstehung, etwa im 24. Jahrhundert vor Christus, thematisiert. Es geht um die frühesten bekannten poetischen Werke, um deren Entwicklung und Überlieferung, beispielsweise um Gedichte der Enheduanna, einer Priesterin. Es folgt ein Gespräch über Götter und Philologen, in dem der Wandel von der direkten Beziehung zu alltäglich präsenten Göttern über Halbgötter bis hin zu einer Natur ohne Götter eine große Rolle spielt. Dieser Wandel lässt sich nämlich, den Autoren zufolge, in der Geschichte der Poesie wiederfinden. Im dritten Teil des Gesprächs, der sehr kurz ausfällt, diskutiert Enzensberger den Begriff des lyrischen Ichs und erläutert, dass nicht jedes ‘Ich’ eines Textes die gleiche Funktion hat, sondern dass ‘Ich’ sehr Verschiedenes bedeuten kann. Diese Ausführungen werden durch ein Liebesgedicht der Sappho belegt, in dem das lyrische Ich einen sehr persönlichen Klang hat. Die darauffolgende Diskussion befasst sich mit der Schwierigkeit, dass viele Gedichte erst lange nach ihrer Entstehung aufgefunden wurden. Zahlreiche Gedichte Sapphos wurden erst im vergangenen Jahrhundert entdeckt, obwohl sie ca. 620 vor unserer Zeitrechnung geboren worden sein soll. Es folgt ein großer Zeitsprung und der folgende Teil beschäftigt sich mit den ersten modernen Dichtern, insbesondere mit Catull und Properz, den ersten Dichtern, die sich auf Liebesgedichte spezialisiert haben. Es geht im Gespräch um das Leben Catulls, das geprägt war von einer gescheiterten Liebe und somit generell von der Logik gefährdeter oder gefährlicher Liebschaften. Das von Enzensberger vorgetragene Gedicht Catulls, Flavius – von deinem Schätzchen, lässt schon durch die Wortwahl deutlich werden, dass es tatsächlich um modernere Poesie geht.

Dies wird im Folgenden weiter ausgeführt. Es wird über Liebe und Erotik gesprochen, die bei fast jedem Dichter der moderneren Zeiten eine Rolle gespielt haben und noch immer spielen. Im Detail wird über die Poesie im Orient gesprochen, Enzensberger und Schrott tragen Beispiele dazu vor. Im nächsten Teil folgt eine Auseinandersetzung mit der Entwicklung der Sprache, insbesondere mit dem Okzitanischen, das auf dem Versuch beruht, aus Übersetzung eine eigene moderne Sprache zu schaffen. Zum Schluss wird der Versuch unternommen, eine gewisse Verbindung zwischen den Versen und der Mathematik herzustellen. Die diskutierte Theorie wird Gematrie genannt, hat kabbalistische Ursprünge und besagt, dass jedem Buchstaben eine gewisse Zahl zugeordnet wird. So kann man die komplizierten Konstruktionen mancher Gedichte entschlüsseln. Das Gespräch schließt mit der Lesung des wohl bekanntesten Gedicht der Enheduanna, der Erhöhung Inannas ab, wodurch das Gespräch wieder an seinen Anfang zurückgeführt wird.

Nicht auf der CD, wohl aber am Ende des Buches befindet sich abschließend ein Text von Raoul Schrott, der seinen Werdegang als Schriftsteller und – angefangen bei seiner Schulzeit – die Bedeutung der Poesie für sein Leben beschreibt. Die Beziehung zwischen Enzensberger und Schrott lässt sich vielleicht mit dem Verhältnis eines Lehrers zu einem hochbegabten Schüler vergleichen. Enzensberger ist hier so etwas wie Schrotts Mentor, der ihn unterstützt und ihn begleitet.