Museum der modernen Poesie

[erste Suhrkamp-Ausgabe:] Museum der modernen Poesie: eingerichtet von Hans Magnus Enzensberger. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1960. 424 Seiten.

[zweite, revidierte Suhrkamp-Ausgabe:]Museum der modernen Poesie: eingerichtet von Hans Magnus Enzensberger. Zweite, revidierte Auflage. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1963. 424 Seiten.


Buchumschlag der Erstausgabe
Inhaltsangabe und Beschreibung der Erstausgabe
In seiner Anthologie Museum der modernen Poesie versammelt Hans Magnus Enzensberger Gedichte von insgesamt 96 Autoren aus mehr als 20 Ländern und nahezu allen bedeutenden Sprachräumen. Fremdsprachige Texte werden durchweg im Original und in deutscher Übersetzung wiedergegeben. Zu Beginn des Vorworts rechtfertigt Hans Magnus Enzensberger die Einrichtung seines Museums der modernen Poesie unter Hinweis auf die Geschichtlichkeit der Moderne. Er argumentiert, die Moderne sei mittlerweile selbst zu einer Epoche unter anderen geworden. Sie habe sich überlebt, da ihre sprengende und befreiende Kraft gegen das Bestehende umgeschlagen sei in "kunstgewerbliche Imitation" (9). Man könne der Moderne daher nur mehr gerecht werden, wenn man sie als Geschichtliche vorzeige und für die Arbeit kommender Generationen fruchtbar mache und eben diesem Zweck solle sein Museum dienen: "Das Museum ist eine Einrichtung, deren Sinn sich verdunkelt hat. Es gilt gemeinhin als Sehenswürdigkeit, nicht als Arbeitsplatz. Richtiger wäre es, das Museum als Annex zum Atelier zu denken; denn es soll Vergangenes nicht mumifizieren, sondern verwendbar machen, dem Zugriff der Kritik nicht entziehen, sondern aussetzen. So verhält sich das literarische Museum zum Schreibtisch der gegenwärtigen produktiven Arbeit wie das Mittel zum Zweck." (9)

Mit einigen knappen Bemerkungen zur Poesie im allgemeinen leitet Enzensberger dann von der Rechtfertigung des vorgelegten Bandes zum Begriff der "Poesie der Moderne" im speziellen über. Anhand der Leitbegriffe "Destruktion" und "Rückgriff" (10) skizziert er zunächst den Grundriß eines allgemeinen poetologischen Konzepts, das auf die elementaren Grundbewegungen aller Poesie, nämlich auf die Problematisierung und Weiterverarbeitung des bis dato überlieferten poetischen Materials abhebt, und postuliert dann, daß das herausragende Merkmal der modernen Poesie in der äußersten Zuspitzung dieses allgemeinen Konzepts bestehe: "Die Moderne Poesie, wie sie in diesem Buch erscheint, ist selbst ein Beispiel jener Wirkung, die es sich als ein Museum wünscht: sie hat, was immer ein fauler Traditionalismus gegen sie vorbringen mag, mehr von den Werken der Vergangenheit gewußt als ihre Feinde. Die Weltliteratur war ihr Museum; sie hat es gekannt und genutzt. [...] Es hieß Revolte – aber es hieß auch intensives Studium der Meister, Annahme der Herausforderung, die von ihren Werken ausging, Resorption der Vergangenheit im Vorgang des Schreibens." (10) Und weiter: "Wer nicht müde wird, die moderne Poesie kopfschüttelnd nach dem Positiven abzufragen, der übersieht, was auf der Hand liegt: negatives Handeln ist poetisch nicht möglich; die Kehrseite jeder dichterischen Destruktion ist der Aufbau einer neuen Poetik." (11)

Die Eigentümlichkeiten dieser neu erbauten Poetik der Moderne konkret zu benennen, lehnt Enzensberger jedoch ausdrücklich ab. Zu wenig Sicheres sei ausgemacht, zu widerständig die vorhandene Materie, als daß sich eine solche ohne weiteres angeben lasse. Nur wenige zeitliche und räumliche Hinweise zur Bestimmung der modernen Poesie möchte er dem Leser vorläufig an die Hand geben: 1) Die moderne Poesie fuße offenbar auf den Vorarbeiten der Poesie in der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts und erlebe ihre Blütezeit zwischen 1910 und 1945. 2) die Vertreter der modernen Poesie seien zumeist Kosmopoliten und stammten mehrheitlich aus hochentwickelten Industrienationen sowie 3) die Vertreter der modernen Poesie kämen auch ohne gegenseitige Beeinflussung zu überraschend ähnlichen poetischen Ergebnissen, sie sprächen sozusagen dieselbe "poetische Weltsprache" (13). – Wobei Enzensberger zur näheren Erhellung des Begriffs der "poetischen Weltsprache" sogleich nachreicht, daß diese sich vornehmlich durch ihren ausgeprägt technologischen und radikal antiideologischen Charakter auszeichne. Moderne Autoren könnten also gewissermaßen als "literarische Ingenieure" begriffen werden, die ihre Texte gegen jedwede Vereinnahmung zu wappnen versuchten (15). Schließlich endet das Vorwort mit einer Verteidigung moderner Poesie gegen den Vorwurf der Unverständlichkeit und einer Rechtfertigung der getroffenen Autorenauswahl.

Änderungen in den Folgeauflagen
In zwei Folgeausgaben des Museums des modernen Poesie, nämlich in der Suhrkamp-Taschenbuchausgabe von 1980 und in der Suhrkamp-Neuausgabe von 2002, erschienen erheblich veränderte Fassungen von Hans Magnus Enzensbergers ursprünglichem Vorwort. Zunächst, das heißt in der Suhrkamp-Taschenbuchausgabe von 1980, wurde das ursprüngliche Vorwort des Museums der modernen Poesie zum Nachwort desselben (765/784). Zudem wurde es nunmehr von einer Nachbemerkung zur Neuauflage (785/787) kommentiert. - Nicht ohne Stolz wies Enzensberger in dieser Nachbemerkung zur Neuauflage des Museums der modernen Poesie darauf hin, daß sich dessen Anlage im Laufe der vergangenen Jahrzehnte als grundrichtig erwiesen habe. Kurz und knapp behauptete er: "Daß das Museum der modernen Poesie sich derart ähnlich geblieben ist, hat einen naheliegenden Grund: Im großen und ganzen war hier nicht viel "auf den neuesten Stand zu bringen"." (785) Zweifel überkamen ihn allenfalls hinsichtlich seines ersten programmatischen Vorworts. Dieses habe wohl doch zu viele der "Illusionen und Irrtümer" (785) seiner Zeit geteilt, insbesondere etwa den Glauben an die subversive Kraft der Literatur und die Existenz einer genuin modernen poetischen Weltsprache. Während ersterer im Rückblick kurios wirken müsse, habe letztere damals zwar tatsächlich existiert, sei aber wahrscheinlich weniger eine Erfindung der Literatur als der internationalen Vermarktungsinteressen gewesen. Selbstkritisch resümierte er: "Die Idee der Weltliteratur ist auf diese Weise, und ohne daß die Autoren es bemerkt hätten, im Laufe des Jahrhunderts zunehmend zu einem apologetischen Regulativ geworden, zu einem Druckmittel, um die hohen Macht- und Intelligenzkonzentrationen des Industriesystems auch kulturell durchzusetzen und so etwas wie einen literarischen Weltmarkt zu erzeugen, einen Strudel, der jede autonome Produktion unmöglich macht. [...] Die Kehrseite der Medaille ist in den letzten Jahren immer deutlicher sichtbar geworden, und zwar nicht nur aus politischen Gründen. [...] Weit entfernt davon, sich nach den "klassischen" Mustern zu orientieren, ist die Poesie der letzten Jahrzehnte immer heterogener und regionaler geworden. Ihre Übersetzbarkeit hat ab-, ihre Mannigfaltigkeit zugenommen." (786) –

Dann, in der Suhrkamp-Neuausgabe von 2002, veränderte Enzensberger seine Position zur Frage der "poetischen Weltsprache" noch einmal. An die Stelle der kulturkritischen Überlegungen von 1980 rückte nun die Kritik des eigenen Eurozentrismus. – Sollte die "Weltsprache der Literatur" zuvor das literarische Phantom "internationaler Vermarktungsinteressen" gewesen sein, so wollte der Herausgeber des Museum der modernen Phantasie nun selbst für dessen Entstehen verantwortlich sein: "Nicht als hätte es etwas Derartiges nie gegeben; im Gegenteil, das Fatale an dieser Behauptung war, daß sie eine Reihe von stillschweigenden Voraussetzungen der klassischen Moderne nur allzu genau traf, auf den Begriff brachte und sich umstandslos zu eigen machte. Wie die Poesie, die es ausstellt, war auch ihr Museum von einem ahnungslosen Eurozentrismus geprägt, der einzig und allein die Standards der Metropolen gelten ließ. Deshalb fehlen in diesem Buch die Chinesen, die Araber, die Inder, die Japaner, von Dutzenden anderen Zonen der Poesie zu schweigen. Die Idee der Weltliteratur hat dadurch eine Verkürzung erlitten, die heute, in einem postkolonialen Zeitalter, ziemlich merkwürdig anmutet. [...] Wenn es je so etwas wie eine Weltsprache der modernen Poesie gegeben hat, so ist sie unterdessen in zahllose Dialekte zerfallen. Weit entfernt davon, sich nach den "klassischen" Mustern zu orientieren, ist die Poesie der letzten Jahrzehnte immer heterogener und regionaler geworden. Ihre Übersetzbarkeit hat ab-, ihre Mannigfaltigkeit zugenommen." (786f.)

Hans Kruschwitz
2006

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