Enzensbergers Auskunft über Johann Most

Hans Magnus Enzensberger beschreibt ihn als leidenschaftlichsten und couragiertesten Agitator der deutschen Arbeiterbewegung der 1870er und 1880er Jahre. Geboren wurde Most 1846 in Augsburg. Der Vater war ein verarmter Angestellter und die Mutter eine Gouvernante. Ein nachhaltiger "Einschnitt" in sein Leben ereignete sich 1859. Einer Gesichtsoperation verdankte er einen ausgerenkten Unterkiefer, der ihn fortwährend entstellte. Später suchte er dieses unästethische Detail durch einen dichten Bart zu kaschieren. Einer Buchbinderlehre folgten Jahre des Wanderns. Er durchstreifte, Deutschland, Österreich, Ungarn, Italien und die Schweiz, also beinahe den gesamten deutschsprachigen Raum des europäischen Kontinents. 1867 schloss er sich in der Schweiz der sozialistischen Arbeiterbewegung Österreichs an. Berufsbedingt geriet er früh mit Druckern in Berührung, mit einem eigenen Sinn für Legalität, welche die Propagandmaschinerie am Laufen erhielten. Im Juli 1870 wurde er wegen Hochverrats verurteilt, dem Urteil gemäß hätte er fünf Jahre "schweren Kerkers" absitzen müssen. Aufgrund einer Amnestie wurde er jedoch bereits nach einem Jahr entlassen und des Landes verwiesen. Sein Weg führte ihn nach Deutschland, dort trat er in die Sozialdemokratische Arbeiterpartei ein. Erstmalig redigierte er eine eigene Zeitung, die Chemnitzer Freie Presse. Zudem leitete er zum ersten Mal eine politische Aktion, den sächsischen Metallarbeiterstreik im Herbst 1871. Die "Freie Presse" wurde wie alle anderen Zeitungen, die Most herausgab, verboten. 1873 musste er Chemnitz verlassen. Im folgenden Jahr wurde er erstmals in den Reichstag gewählt, 1877 erneut. In diesen Jahren arbeitete er außerdem als Redakteur für die "Süddeutsche Volksstimme" und die "Berliner Freie Presse". Doch bei dieser behäbigen Funktionärstätigkeit sollte es nicht bleiben. 1874 wurde er erneut verurteilt, diesmal wegen Majestätsbeleidigung und Gotteslästerung. Während seines 26monatigen Gefängnisaufenthaltes verfasste er zwei Bücher, "Die Bastille am Plötzensee" und das auflagenstarke "Proletarier-Liederbuch". Außerdem studierte er zu der Zeit die Schriften des Berliner Professors Eugen Dühring. Später empfahl er allen Sozialdemokraten diese Schriften wärmstens, was ihm aus Engels Munde letztendlich Zuschreibungen "Wirrkopf" oder "Knoten" bescherte. Insbesondere durch seinen Atheismus war er in Deutschland inzwischen zum Buhmann geworden. Konträr zur Parteilinie hatte er auch den Massenaustritt aus den Landeskirchen gefordert. Als im Oktober 1878 das Sozialistengesetz erlassen wurde, wurde er aus Berlin ausgewiesen und zur Emigration gezwungen. Zunächst wandte er sich nach Frankreich, wurde dort aber schon 1879 als unerwünschter Ausländer abgeschoben. Er flüchtete ins traditionell liberale England, nach London. Umgehend gab er eine Zeitung heraus, die "Freiheit", in der er immer radikalere Töne anschlug. Bezeichnend für seine immer anarchistischer anmutende Ausrichtung war auch, dass er die Zeitung komplett in roten Lettern abdruckte. Mosts Wandel zum Anarchisten erklärt Enzensberger aus der opportunistischen, inaktiven Haltung der deutschen Sozialdemokratie heraus. Viele Abgeordnete und Funktionäre kapitulierten vor Bismarck. Jede organisierte Regung der Arbeiter wurde von der Polizei unter Anwendung brutaler Methoden im Keim erstickt. Kleine antiparlamentarische Aktionsgruppen kristallisierten sich heraus, und plädierten für die direkte Aktion. Die ideologische Basis für diese Gruppen war der Anarchismus, einer ihrer geistigen Führer war Most, dessen "Freiheit" zum Sprachrohr der radikalen Gruppen in Deutschland mutierte, aber auch in Italien, Frankreich, Russland oder Spanien erregte er Aufsehen. 1880 auf dem Kongress von Weyden wurde er endgültig aus der deutschen Sozialdemokratie ausgeschlossen. Wenig später wurde Most wieder inhaftiert, aufgrund eines Artikels über das geglückte Attentat auf den Zaren Alexander II. Diesmal bekam er 16 Monate, Zwangsarbeit inklusive. So wurden ihm die Grenzen der britischen Pressefreiheit aufgezeigt. Daraufhin verließ er England 1882 in Richtung Amerika, das seine letzte Station sein sollte. Sein Einfluss war enorm groß, resultierte auch aus Einwanderungswellen aus Russland und Italien. Es gelang ihm seine Zeitung auch dort zu etablieren. In den achtziger Jahren gründeten sich die Gewerkschaften, an deren Bildung, wie auch der generellen Formierung der amerikanischen Arbeiterbewegung, Most regen Anteil nahm. Seinem Eifer war die Gründung der International Working People’s Association im Jahr 1883 zuzuschreiben. Most wurde erneut eingesperrt. Nachdem er einige Monate unter falschem Namen in einer Sprengstofffirma gearbeitet hat, legte er seine dort erworbenen Kenntnisse in einem kleinen Buch nieder, das für einiges Aufsehen sorgte: Die revolutionäre Kriegswissenschaft. Ein Handbuch zur Anleitung im Gebrauch und in der Herstellung von Nitroglyzerin, Dynamit, Schiesspulver, Knallquecksilber, Bomben, Zündern, Giften etc. Später, in den neunziger Jahren, wandte er sich vom individuellen Aktionismus weg, hin zur Bildung von Zellen, die von außen geführt wurden und in keinem Zusammenhang mit der traditionellen Arbeiterbewegung standen. Enzensberger spricht von der Wandlung zum Anarcho-Syndikalisten. Seine Abwendung von der "Bombenwerferei" kostete ihn noch so manche Sympathien. Most starb als völlig vereinsamter Mann 1906 in Cincinatti.