Mittelmaß und Wahn. Gesammelte Zerstreuungen.

Hans Magnus Enzensberger: Mittelmaß und Wahn. Gesammelte Zerstreuungen. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1988.

Umschlag

„Wenige Kulturkritiker unter den Schriftstellern schreiben so locker und witzig wie Hans Magnus Enzensberger. Wenige nehmen Zahlen und Fakten so ernst wie dieser große Empiriker, dessen Gelehrtheit nur noch von seiner Neugierde übertroffen wird. Enzensberger ist der Lyriker unter den Essayisten. [...] So wieder nachzulesen in einem Sammelband mit Aufsätzen, Vorträgen, Betrachtungen aus den siebziger und achtziger Jahren. Mittelmaß und Wahn heißt das Buch.“1

In den ersten beiden Essays des Bandes beanstandet Enzensberger das Bildungssystem der Bundesrepublik Deutschland. Vor allem kritisiert er die Art, wie junge Leute an die Poesie herangeführt werden. Schüler zu zwingen, Gedichte zu interpretieren, hält er für grundfalsch, weil es keine „richtige Interpretation“ geben könne, zu viele unberechenbare Faktoren spielten beim Lesen eines literarischen Textes eine Rolle. Sein Rat: „Zwingen Sie nie einen wehrlosen Menschen, den Mund aufzusperren und ein Gedicht hinunterzuschlingen, auf das er keine Lust hat“.2 Thema des dritten Essays ist die Literatur als Institution in der Krise. Insbesondere durch andere Medien ist nach Enzensberger die Wahrnehmung und die Bedeutung der Literatur verändert worden. Die Literatur habe sich aufgelöst wie eine Alka–Selzer in einem Glas Wasser. Ebenso wie die Inhaltsstoffe der aufgelösten Tablette seien jedoch die Inhaltsstoffe der Literatur erhalten geblieben. Ein Rest des anfänglichen Konzentrats widersetze sich sogar noch immer der Auflösung, falle aber nicht ins Gewicht. Enzensberger folgert: Die Literatur „ist nicht am Ende, sie ist überall“ (S. 52). Sie sei in der Pop–Musik und in der Reklame, aber ihre Qualität leide unter diesem Zustand.

In seinem vierten Essay Rezensenten-Dämmerung behauptet Enzensberger, dass es keine Kritiker mehr gebe. „Zwei traditionelle Berufe, die es verstanden haben, mit der Zeit zu gehen, sind an die vakante Stelle der Kritiker getreten: Zirkulationsagenten und die Pädagogen“ (S. 56). Darunter litten die Buchbesprechungen in sämtlichen Zeitungen, Rezensionen würden nur noch selten geduckt, der Kulturteil werde mit anderen Themen und „lapidaren Textsorten“ (S. 59) gefüllt. Der fünfte Aufsatz thematisiert das Analphabetentum. Rund 850 Millionen Menschen seien Analphabeten und der Analphabetismus eher zur Regel als zur Ausnahme geworden. Enzensberger unterscheidet dabei zwei Arten von Analphabeten. Zum einen den Analphabeten der ehrwürdigen Gestalt, der ein gutes Gedächtnis und eine besondere Fähigkeit besitze, sich zu konzentrieren. Zum anderen den Analphabeten, der als „Produkt einer neuen Phase der Industrialisierung“ (S. 68) entstanden sei, den von ihm so genannten „sekundäre[n] Analphabet[en]“. Letzter „leidet nicht unter dem Gedächtnisschwund, an dem er leidet; daß er über keinen Eigensinn verfügt, erleichtert ihn; daß er sich auf nichts konzentrieren kann, weiß er zu schätzen; dass er nicht weiß und nicht versteht, was mit ihm geschieht, hält er für einen Vorzug. Er ist mobil. Er ist anpassungsfähig“ (S. 67). Das bevorzugte Medium des sekundären Analphabeten sei das Fernsehen. In den folgenden Aufsätzen beschäftigt sich Enzensberger einmal mehr mit den Massenmedien, nämlich mit der Bildzeitung und dem Fernsehen. Nach der Rekapitulationen verschiedener Theorien gelangt Enzensberger dabei zu dem Schluss, dass das „Nullmedium“ Fernsehen ernster genommen werden sollte, als man es gemeinhin nimmt. Als Alternativen zum Fernsehen nennt er Drogenkonsum, Gewaltkriminalität und Selbstmord.

Der zweite Teil des Buches enthält eine „Reihe von Essays und Kommentaren zur Zeitgeschichte“ (NZZ). Enzensberger äußert sich zur deutschen Parteispendenaffäre, zur Weltbank und zum Internationalen Währungsfond. Jedoch scheint es, „als wäre Enzensberger [zumindet] aus den beiden Institutionsriesen nicht hinreichend schlau geworden, um sie aufzulösen in klipp und klar forsche Thesen. Er [Enzensberger] klingt nachdenklich, fast besonnen. Die Probleme werden vorschlagsweise, ungelöst weitergereicht an den Leser.“3

In dem bekannten und viel diskutierten Essay des dritten Abschnitts Macht und Geist: ein deutsches Indianerspiel versucht Enzensberger Erklärungen dafür zu finden, warum zwischen deutschen Politikern (Macht) und deutschen Intellektuellen (Geist) große Abneigungen bestehen und warum in anderen Ländern das Zusammenwirken beider Gruppen besser gelingt. Nach eingehender Betrachtung beider „Indianerstämme“ stellt er fest, dass sie eigentlich recht ähnlich sind, denn beide leben auf Kosten anderer und leiden unter einem berufsbedingten Narzissmus, und beide sind fest davon überzeugt, dem „gemeinen Wohl“ zu dienen. Im letzten Aufsatz des Buches, dem Essay Mittelmaß und Wahn. Ein Vorschlag zur Güte, attestiert Enzensberger der deutschen Gesellschaft schließlich Mittelmäßigkeit (S. 258) und stellt fest, dass die Mehrheit der Bundesbürger ihre Mittelmäßigkeit auch akzeptiere. So erfolgreich das Mittelmaß aber auch die Genies verdrängt habe, so hart müsse es künftig an seiner Erhaltung arbeiten: „Die ökonomische und psychische Existenz der meisten wird durch das Mittelmaß verbürgt, und wer da glaubt, er könne es ignorieren, erliegt einem risikoreichen Irrtum. Es handelt sich nämlich nicht um eine bloße Rechengröße, einen statistischen Wert, sondern um einen Standard, der erreicht und gehalten werden muß. Wir haben es mit einem hochqualifizierten Mittelmaß zu tun, das sich auf dem Weltmarkt zu behaupten hat; deshalb muß es ebenso konkurrenzfähig sein wie seine Produkte, seine Dienstleistungen, seine Infrastruktur. Die Bundesrepublik ist, mit einem Wort, Durchschnitt und Spitze zugleich“ (S. 266).



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Inhalt



1Martin Meyer: Nur Mittelmaß? Essays von Hans Magnus Enzensberger. In: Neue Zürcher Zeitung, 18. November 1988 (269). Fernausgabe. Im Folgenden zitiert als NZZ.

2Hans Magnus Enzensberger: Mittelmaß und Wahn. Gesammelte Zerstreuungen. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1988. S. 39. Im Folgenden zitiert unter einfacher Seitenangabe.

3Reinhard Baumgart: Lust am Nullpunkt Vermutungen über Hans Magnus Enzensberger und seine kulturkritische Spätlese „Mittelmaß und Wahn“. In: Die Zeit, 30. September 1988 (40).