Mausoleum. Siebenunddreißig Balladen aus der Geschichte des Fortschritts.

Hans Magnus Enzensberger: Mausoleum. Siebenunddreißig Balladen aus der Geschichte des Fortschritts. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1975. 125 Seiten.

Umschlag

Der Band Mausoleum enthält 37 Balladen, die bekannte und weniger bekannte Größen der Geschichte porträtieren. Unter ihnen befinden sich Mathematiker, Anthropologen, Astrologen, Ingenieure, Gelehrte, Biologen (Darwin), Ärzte (Guillotin), Erfinder (Gutenberg), Physiologen, Naturforscher (Alexander von Humboldt), Forschungsreisende, Stadtplaner, Politiker (Macchiavelli, Che Guevara), Künstler (Chopin) und Zauberer (Robert–Houdin). Die Balladen tragen jedoch nicht den vollen Namen des Porträtierten als Titel, sondern lediglich dessen Initialen und dessen Geburts– und Sterbedatum. Diese Vorgehensweise ähnelt den Inschriften von Grabplatten und weist somit auf den Titel des Buches hin. Mausoleen sind Grabstätten. Die verkürzten Titel verleihen den Balladen Unabhängigkeit und regen den Leser an, über die Identität der Persönlichkeiten nachzudenken. Die vollständigen Namen kann er im Zweifelsfall aber auch dem Index am Ende des Bandes entnehmen, der zugleich als Inhaltsverzeichnis fungiert. (In der Taschenbuch-Ausgabe von 1994 wurden die Initialen der Gedichttitel durch die ganzen Namen ersetzt, der Index ist gleichwohl mit abgedruckt.)

Enzensberger arbeitet im Mausoleum mit der offenen Form der Textmontage und versieht die Balladen mit Originalaussagen und Zitaten, die durch Kursivdruck kenntlich gemacht werden. Er leistet die Arbeit eines Dokumentars, betreibt ein weitreichendes Quellenstudium und nimmt widersprüchliche Überlieferungen ebenso auf wie politische und wirtschaftliche Zeitumstände. In dieser Hinsicht besitzen seine Balladen epischen Charakter.1 Zentrale Themen der Balladen sind die technische Innovation, die menschliche Regression und die Verarbeitung politischer Erfahrungen der vergangenen Zeit in ihren Widersprüchen, Hoffnungen und Enttäuschungen (ebd.). Die Grundhaltung der Balladen ist skeptisch.

Das Buch beginnt mit der Ballade über Giovanni de' Dondi und endet mit der über Che Guevara und ist also historisch geordnet. Die Formen der Balladen sind vielfältig, sie reichen vom CIA–Bericht (Leibniz) bis hin zum Prosaabriß (Campanella, Blanqui). Mit am ergreifendsten erscheint mir Enzensbergers Ballade über den russischen Revolutionär Bakunin. Sie ist voller Emotion, Sehnsucht und Verzweiflung. Durch das ‘Du’, mit dem Enzensberger den Porträtierten direkt anspricht, lässt er ihn zu einer lebendigen Figur werden.

Nicht zuletzt weckt das Mausoleum Erinnerungen an das Museum der Modernen Poesie: „Das Museum ist eine Einrichtung, deren Sinn sich verdunkelt hat [...]. [Es] gilt als Sehenswürdigkeit, nicht als Arbeitsplatz. Richtig wäre das Museum als Annex zum Atelier zu denken, es soll Vergangenes nicht mumifizieren, sondern verwendbar machen, dem Zugriff der Kritiker nicht entziehen, sondern aussetzen.“ (Museum der modernen Poesie, 1960; S. 9) Diese Kennzeichnung des Museums kann ohne Weiteres auf das Mausoleum übertragen werden.



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1 Dietschreit, Frank; Heinze-Dietschreit, Barbara: Hans Magnus Enzensberger. Stuttgart: Metzler 1986, S. 108ff. Im Folgenden zitiert unter einfacher Seitenangabe.