Lyrik nervt!

Andreas Thalmayr: Lyrik nervt! Erste Hilfe für gestresste Leser. München, Wien: Hanser 2004.

Umschlag

Kurz nach dem Erscheinen von Lyrik nervt! Anfang 2004 lüftet sich das Geheimnis um Andreas Thalmayr: Thalmayr ist Enzensberger, wie der Hanser Verlag bestätigt. Für den Rätsel-Fan finden sich in Lyrik nervt! kleine Hinweise auf die tatsächliche Identität des Autors; zwei Gedichte Enzensbergers (Am Gartenzaun und Der Aufschub) werden als Beispiele herangezogen, aber im Gegensatz zu den anderen Beispielen keinem Verfasser zugeordnet. Außerdem wurde ein großer Teil der fremdsprachigen Werke, die als Illustration dienen, von Hans Magnus Enzensberger oder seinem Bruder Christian übersetzt. Ein Blick ins Literaturverzeichnis, das zum Teil knapp kommentiert und mit mehr als einem Augenzwinkern versehen ist, lohnt also. Enzensberger-Kenner werden auch die Widmung „Für meine Töchter T. und T.“1 (Tanaquil und Theresia Enzensberger) aufschlussreich finden. Nach dem Wasserzeichen der Poesie bedient sich Hans Magnus Enzensberger zum zweiten Mal des Pseudonyms Andreas Thalmayr. Er spielt ein Spiel nach dem Motto: Was wäre, wenn ich noch mal von vorne anfinge? Als Unbekannter, ohne gefeierte literarische Vergangenheit. Verkaufen sich meine Bücher, wenn niemand weiß, dass sie von mir sind? – Sie verkaufen sich. Jetzt, nach Spielende, wahrscheinlich noch besser als zuvor.2

Spielerisch sind auch Aufmachung und Tenor von Lyrik nervt!. Optik und Format des Einbandes gleichen einem Erste-Hilfe-Kasten, und der Untertitel Erste Hilfe für gestresste Leser lässt vermuten, dass auch der Inhalt Vergleiche mit dem nützlichen Utensil für kleine und große Notfälle zulässt. Ein Notfall tritt dann ein, wenn einem Leser der Zugang zur Lyrik augenscheinlich verwehrt ist, wenn jemand meint „er könne mit Lyrik nichts anfangen“ (Klappentext). Das Buch richtet sich hauptsächlich „an geplagte junge Menschen, die in der Schule mit Lyrik zu tun haben3 und andere Lyrikmuffel, aber auch an lyrisch Bewanderte, denen der unbeschwerte Umgang mit der Poesie verloren gegangen ist. Die liebevolle zweifarbige Gestaltung des Drucks, die wie der Einband in rot und schwarz daher kommt, erleichtert dem sich Sperrenden den Einstieg in die ihm unliebsame Thematik. Die Beispieltexte sind in rot, die erklärenden Sequenzen in schwarz gehalten. So ergibt sich ein angenehmes Satzbild, das mit seinen kurzen Paragraphen den Überblick erleichtert.

Die einzelnen Kapitel – deren gibt es acht – behandeln jeweils in sich geschlossene Themenkreise. Das einleitende Kapitel Erste Hilfe umreißt, was Lyrik ist und vor allem für wen sie sich eignet. Es dient dazu, mit einer eventuellen Voreingenommenheit des Lesers aufzuräumen und der Lyrik den Anschein zu nehmen, sie sei nur einem exklusiven Leserkreis zugänglich.

Tanzstunde beschäftigt sich auf unverkrampfte Weise mit der Metrik, dem Tanz der Wörter und Sätze (Vgl. S. 13). Das Zählen von Versmaßen wird weniger erklärt, als anhand von Beispielen, die für sich sprechen, gezeigt. Thalmayr/Enzensberger legt dabei viel Wert darauf zu vermitteln, dass das Metrum keinem Selbstzweck dient, sondern die Aussage des Gedichts unterstützt. „Sture[s] Silbenzählen“ (S. 16) wird etwa mit Hilfe des Gedichts Sekundenzeiger von Hans Arp ironisiert. Das Kapitel Mama/Pyjama, Papa/Grappa behandelt den Reim und das Reimen. Der Reim wird als „Ideen-Maschine“ (S. 23) und Merkhilfe gerühmt, und ganz nebenbei zeigt der Autor mit heiteren Gedichten wie Lewis Carrolls Jabberwocky (in der Übersetzung seines Bruders Christian Enzensberger) oder Ernst Jandls Ottos Mops verschiedene Reimschemata und wie sie wirken. Daran anschließend handelt Baustelle von Strophen und Gedichtformen. Freistil setzt am Anfang des 20. Jahrhunderts an und fasst hundert Jahre Literaturgeschichte zusammen, in denen „nicht nur alte Formen kaputtgemacht”, sondern „auch neue hervorgebracht [wurden], die früher undenkbar gewesen wären” (S. 54). Benns Kleine Aster, Jandls schtzgrmm, Kalligramme von Apollinaire und Morgenstern und das Anagramm Tausend Zaubereien von Unica Zürn veranschaulichen die Entwicklung des freien Verses. Das Kapitel Kunststücke bildet mit dem Thema Stilmittel den Abschluss des formalen Teils.

Kannitverstan beschäftigt sich mit dem Textverständnis und versucht dem Leser einen Zugang zu den verschiedenen inhaltlichen Ebenen eines Gedichts zu verschaffen. Thalmayr/Enzensberger bedient sich wiederum anschaulicher Beispiele (wie Rolf Dieter Brinkmanns Ein Gedicht) und eines fiktiven Dialogs, um unterschiedliche Lesarten zu demonstrieren. Dennoch bleiben die hier gezeigten Sichtweisen an der Oberfläche. Alle Auslegungen eines Gedichts werden legitimiert, aber es werden dem lyrisch Interessierten keine weitergehenden Interpretationswerkzeuge an die Hand gegeben. Der Interpretationshorizont des Lesers wird nicht erweitert. Durch ausdrucksvolle Bilder, wie die Allegorie vom Gedicht als Zwiebel (vgl. S. 82), macht der Autor Lust darauf, in tiefere Gewässer vorzudringen und dem Gedicht auf den Grund zu gehen. Leider überlässt er den Leser am Ufer sich selbst, anstatt ihn an die Hand zu nehmen und ihm zu zeigen, wie man schwimmt.

Das Schlusskapitel Selber machen beschreibt verschiedene Lyrikspiele, die zum Selberdichten ermuntern sollen. Anders als in Kannitverstan wird hier tatsächlich der phantasievolle Umgang mit Lyrik angeregt, der Leser zum Spielen mit dem Text ermutigt. Diese unbefangene Auseinandersetzung mit den Texten nimmt der Lyrik ihre Unnahbarkeit ohne ihren Wert anzutasten.

Die Rolle des Andreas Thalmayr ermöglicht Enzensberger einen jovialen Ton ohne erhobenen Zeigefinger. Lyrik nervt! ist ein Werk des Geschichtenerzählers und Kinderbuchautors Enzensberger, nicht des kritischen Essayisten. Enzensberger entführt den Leser auf einen kurzweiligen Streifzug durch die Poesie. Lyrik nervt! fungiert als Richtungsweiser; es zeigt dem Leser gangbare und bereits erprobte Wege und versucht, ihn mit genügend Wissen auszustatten, um im Anschluss eigene Pfade zu finden, sie zu beschreiten oder von ihnen abzuweichen.





1Andreas Thalmayr: Lyrik nervt! Erste Hilfe für gestresste Leser. München, Wien 2004. S. 4. Im Folgenden zitiert unter einfacher Seitenangabe.

2Vgl. Hans Magnus Enzensberger schrieb „Lyrik nervt!“. Verlag bestätigte Pseudonym-Vermutung. Der Standard: http://derstandard.at/?id-1611931 (08.04.04, 14:43).

3Hans Magnus Enzensberger im Interview mit dem Spiegel. Zitiert nach: Deutschlandradio Berlin, Kulturpresseschau vom 13.03.2004: http://www.dradio.de/kulturpresseschau/fazit/247082/ (19.04.04, 09:45).