Eine literarische Landkarte

Hans Magnus Enzensberger (Hg.): Eine literarische Landkarte. Deutsche Erstveröffentlichung. München: Goldmann 1999 (= btb Taschenbücher 72580). 401 Seiten.


Umschlag
Die Vorder- und Rückseite des Umschlages ergeben zusammengenommen eine Weltkarte, bei der die Kontinente hellgrün, die Gewässer hellblau gezeichnet sind. Die Weltkarte ist kreisrund verformt, d.h. manche Erdteile erscheinen vergrößert, andere geschrumpft. In kleiner, schwarzer Schrift sind knapp fünfzig Autorennamen an verschiedenen Stellen der Karte eingetragen, Namen wie Beckett, Walser, Flaiano, Calvino, Barry, Williams, Ekelöf und Fenton, die einerseits an große Weltliteraten erinnern und andererseits einem aus Enzensbergers Poesie-Reihe oder seinem Buch Nie wieder! Die schlimmsten Reisen der Welt bekannt vorkommen. Blickt man mit dieser Erkenntnis nun genauer hin, dann scheinen die Orte und Gegenden, an denen die Namen auf der Weltkarte eingetragen sind, oft weder dem Geburts- noch dem Wohnort des jeweiligen Autors zu entsprechen. Dieses Rätsel und das Rätsel um die vierzig übrigen Autorennamen werden sich Schritt für Schritt lüften, sobald man sich aufmacht, die Weltkarte in Form einer literarischen Weltreise zu erkunden.

Es handelt sich bei der hier vorgestellten Anthologie um eine Landkarte, eine Landkarte, die geographisch, politisch und vor allem Enzensbergerisch gelesen werden kann, will heißen: Die Koordinaten dieser kartographischen Projektion stammen aus Enzensbergers knapp 40-jährigem Dasein als "homme de lettres". Wenn man wie Enzensberger ein paar Jahrzehnte "als Übersetzer, Radiomann, Librettist, Zeitschriftengründer, Lektor, Herausgeber und Verleger" gearbeitet und mit "richtigen Druckern, Illustratoren, Theaterleuten, Hörspielartisten, Geldgebern, Komponisten und Filmregisseuren" (S. 388) zugebracht hat, "dann stellt sich heraus, daß mit der Zeit, ohne Plan und Absicht, ein unsichtbares Netz entstanden ist, ein privates Gewimmel, ein Sternbild von Namen, Projekten, Sprachen und Orten" (S. 388f.). Und der Versuch Enzensbergers besteht nun darin, dieses persönliche Sternenbild in eine eigentümliche Geographie zu projizieren und literaturinteressierten Lesern zugänglich zu machen. Die Namen auf der Landkarte erscheinen daher gemäß den Gegenden oder Orten, über die sie geschrieben haben und die nun dem Leser in Form von Reiseberichten, Gedichten, Kurzgeschichten, Erlebnisberichten und Briefen vorgestellt werden.

"Bereist" werden mit Enzensbergers Literarischer Landkarte sieben Teile der Erde, die den sieben Kapiteln des Buches entsprechen: WESTEUROPA, DEUTSCHLAND, OSTEUROPA, NAHER UND FERNER OSTEN, AFRIKA, LATEINAMERIKA UND KARIBIK, NORDAMERIKA. So pluralistisch die verschiedenen Tätigkeiten Enzensbergers sind, es lassen sich - wie man den Autoren und Textnachweisen am Ende entnehmen kann - auch die Berufe und die Nationalitäten der insgesamt 48 Autoren deklinieren. Einige Beispiele: "Bruce Chatwin (1940-89), geboren in Yorkshire, führte ein rastloses Leben als Kunstexperte, Reisender und Schriftsteller" (S. 392), "Ennio Flaiano (1910-1972), Erzähler und Journalist, der auch das Drehbuch zu Fellinis La dolce vita geschrieben hat" (S. 394), "Sugawara Katsumi, 1911 auf der japanischen Insel Honshu geboren, als Kommunist verfolgt, 1947 aus der Partei ausgetreten, ist ein Lyriker, der in seiner Heimat heute sehr geschätzt wird" (S. 396), "V.S. Naipaul kam 1932 in Trinidad zur Welt. Niemand hat schonungsloser und einfühlsamer über die sogenannte Dritte Welt geschrieben" (S. 398), "Herberto Padilla, ein cubanischer Poet, wurde 1932 in Pinar del Rio geboren, arbeitete als Korrespondent im Ausland, wurde wegen seiner Gedichte in Habana einem Schauprozeß unterzogen und emigrierte in die USA" (ebd.).

Viele Beiträge der fremdsprachigen Autoren hat Enzensberger selbst übersetzt, und so mag man ihm verzeihen, daß zum Beispiel der asiatische und afrikanische Raum in seiner literarischen Geographie vernachlässigt wird und diese - politisch durchaus unkorrekt wie er selbst gesteht - durch Eurozentrismus sündigt. "Das kommt daher, daß selbst im Zeitalter der vielbeschrieenen Globalisierung niemand wirklich global denken kann. Von den Tausenden von Sprachen dieser Welt verstehe ich nur ein halbes Dutzend, und die Omnipräsenz überlasse ich gern den Tourismusmanagern und den Göttern. Mit einem Wort: Mehr als eine Karte meiner Interessen, meiner Vorlieben, meiner Anteilnahmen habe ich nicht zu bieten." (S. 389) Und wie bei allen Projektionen persönlicher - und nicht etwa kartographischer oder mathematischer - Art, kann man, wie Enzensberger selbst sagt, keinen Anspruch auf Objektivität erheben. Stattdessen können wir dem Herausgeber Enzensberger danken, daß wir unseren Knigge für den nächsten Italien-Urlaub um das Wissen erweitern können, daß "Schaisdreck" auf Italienisch "wenig" oder "nichts" bedeutet und der Ausdruck "Leckmeechamaarsch" eine italienische Form der Entschuldigung ist ("Welcome in Rome" von Ennio Flaiano). Ebenso hilfreich mag die Information sein, daß man in Rußland grundsätzlich schwarz, also fahrscheinlos, fährt, denn in Rußland bezahlt man jeden Kilometer mit einem Gramm Wodka. Eine durchaus befriedigende Maßnahme, wenn man bedenkt, daß Fahrscheinlose früher in Reservate gejagt wurden und dort nach einem kräftigen Schlag über den Schädel zur Kasse gebeten wurden (Die Reise nach Petuschki, 1969 von Venedikt Jerofejev). Überdies lernt man von dem Amerikaner James Fenton, wie man es in Saigon vermeidet, auf vermeintlich sterbende, mit Heroin vollgepumpte Babys hereinzufallen, die einem an jeder Straßenecke präsentiert werden; was ein "Nummer Eins Hospital, Nummer Eins Doktor" bedeutet oder eben auch nicht bedeutet (Angst vor dem Verrücktwerden, 1970); und was man als Ausländer in Zeiten der Prohibition für Behördengänge durchzuhetzen hatte, wenn man in Bombay Alkohol mit sich führen wollte (Schiff nach Bombay, 1961 von V.S. Naipaul).

Der literarischen Weltreise, einer sehr persönlichen "Kreuzfahrt ohne Ticket, ohne Bordkapelle und ohne Captain's Diner" (S. 390) ist Jean Ferrys Nachricht an den Leser vorangestellt; die Reise schließt mit einem Nachwort von Hans Magnus Enzensberger.

Shangning Postel
2006

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