Leichter als Luft. Moralische Gedichte.

Hans Magnus Enzensberger: Leichter als Luft. Moralische Gedichte. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1999.

Umschlag

Der Gedichtband Leichter als Luft ist anlässlich von Hans Magnus Enzensbergers 70. Geburtstag 1999 im Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main, erschienen. Er umfasst 132 Seiten und besitzt die gleiche Ausstattung wie die beiden Gedichtbände Zukunftsmusik und Kiosk, welche 1991 und 1995 erschienen sind. "Leichter als Luft" ist in vier Zyklen gegliedert, welche jeweils mit einer römischen Ziffer (I–IV) betitelt sind. Der Band enthält 78 Gedichte unterschiedlicher Thematik und in verschiedener Form. Auf dem Umschlag ist ein Text abgedruckt, der etwas zu dem Titel des Buches sowie zum Inhalt und zur Person des Autors sagt: „Was haben Gedichte gemeinsam mit dem Helium, den Heiligenscheinen und dem Ich? Daß sie leichter als Luft sind, behauptet Enzensberger; und in der Tat sind seine Verse nie durch bleierne Füße aufgefallen. Die mürrischen Töne gefallen ihm nicht. Auch zeichnet sich, was er schreibt, nicht durch Unverständlichkeit aus. Leichter als Luft heißt nicht, daß er auf der Flucht nach oben wäre, in die menschenleeren Sphären des Idealismus. Den Ballast über Bord zu werfen – dazu war Enzensberger nie bereit.“ (ebd.) Tatsächlich sind die Gedichte leicht zugänglich. Doch obwohl sie leicht geschrieben sind, entfliehen sie nicht „in die menschenleeren Sphären“ (ebd.), denn hinter ihrer scheinbaren Leichtigkeit ist stets eine kritische Äußerung oder eine Wahrheit zu finden, die alles andere als heiter und leicht, sondern eher schwerwiegend und ernst ist. Enzensberger verwendet die Leichtigkeit, um das Schwerwiegende deutlicher hervorzuheben, denn „am Ende des Jahrhunderts ist das einzig Richtige [für Enzensberger] nirgends in Sicht“ (ebd.). Enzensberger sieht „Politik und Alltag“, „Krieg und Liebe“, „Wahnsinn und Vernunft“, „Idyll und Katastrophe“ „unauflöslich ineinander verknäult“ (ebd.) und deshalb bleibt ihm nur noch die Möglichkeit durch das Tragikomische auszudrücken, was Tatsache und Wahrheit ist. Darauf gründet auch die Vielfalt und Uneinheitlichkeit der poetischen Mittel in diesem Gedichtband. Man findet in Leichter als Luft reimlose Lyrik, unregelmäßige Rhythmen, Schlager, Kalendersprüche, Terzinen, Ghaselen und Lyrik im Hip-Hop-Stil. Die Themen sind sehr vielfältig, sie sind aus dem aktuellen politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Weltgeschehen gegriffen. Man findet Gedichte zum bosnisch-serbisch-kroatischen Krieg (Länderlexikon), zur Globalisierung (Fehler), zum Rechtsradikalismus, zur BRD und ihren Krisen in den 90er Jahren. Auch ein Gedicht, das als Nachtrag zu Enzensbergers Mausoleum verstanden werden kann, ist zu finden: Porträt des Mathematikers John von Neumann. In dem Umschlagtext zu Leichter als Luft findet man ein, meiner Meinung nach, wirklich sehr treffendes Zitat von Wolf Lepenies: „Wer über Enzensberger spricht, gerät in die Versuchung, sich ein wenig von seiner Verstandesheiterkeit zu borgen. Er hat soviel davon. Doch zugleich durchzieht seine Schriften ein Ernst, der sich hinter allem Spaß nur mühsam verbirgt, durchzittert seine Sätze eine Unruhe, die nicht nur etwas mit dem Temperament des Schreibenden, sondern auch mit seinen Themen zu tun hat. Der Zorn altert, die Ironie ist unsterblich.“



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