Kurzgefaßter Bericht von der Verwüstung der Westindischen Länder

Bartolomé de Las Casas: Kurzgefaßter Bericht von der Verwüstung der Westindischen Länder. Herausgegeben von Hans Magnus Enzensberger. Deutsch von D. W. Andreä [zuerst Berlin 1790]. 1. - 7. Tsd. Frankfurt am Main: Insel 1966 (= sammlung insel 23). 164 Seiten.

Titelblatt
Als Herausgeber des Textes von Bartolomé de Las Casas fügte Enzensberger ein Nachwort, Las Casas oder ein Rückblick in die Zukunft, an, das stark an die acht Glossen seines Romans Der kurze Sommer der Anarchie erinnert. Der 28 Seiten starke Text wurde von Enzensberger in zwei Teile gegliedert. Der Autor beschäftigt sich zwar auch mit Las Casas selbst, vor allem aber mit dem äußerst problematischen Umgang der verschiedenen Gesellschaften sowie der Kirche mit dem "Kurzgefaßten Bericht". Enzensberger stellt einen provokanten Bezug zu den 60er Jahren her, um zu begründen, in wiefern der Text einen "Rückblick in die Zukunft" darstellt.

Der erste Teil des Essays beginnt mit der Aussage, dass bis heute bestritten wird, jener Text berichte tatsächlich von wahren Begebenheiten, und dass noch in unseren Tagen zahlreiche Spezialisten in Spanien, in Mexiko, in Südamerika und in den Vereinigten Staaten mit den vergilbten Drucken, Briefen und Manuskripten aus der Feder des Dominikanermönches aus Sevilla beschäftigt ist. Enzensberger macht deutlich, dass es sich hierbei nicht um einen akademischen Streit handelt, sondern ein ganzer Völkermord zur Verhandlung stehe, der schon direkt nach Erscheinen des "Kurzen Berichts" vehement bestritten wurde. Noch bis heute dementieren die Spanier, dass mit der Kolonisation der Mord von mehreren Millionen Indianern einher ging. Für den Schriftsteller ist aber klar, dass es sich um eben nichts anderes handelt als um den "Mord an zwanzig Millionen Menschen", also um Völkermord.

Enzensberger liefert einen kurzen geschichtlichen Abriss, wie Historiker über Jahrzehnte und sogar Jahrhunderte versuchten, Las Casas an den Pranger zu stellen, ihn als Geistlichen zu demontieren, und sogar seine geistige Gesundheit in Frage stellten. "Neue Historiker spanischer Sprache haben ihn auf folgende Art und Weise charakterisiert: Er sei 'ein Geisteskranker' (1927), 'ein verbohrter Anarchist' (1933), 'ein Prediger des Marxismus' (1937), 'ein gemeingefährlicher Demagoge' (1944)". Lediglich einen Historiker führt Enzensberger an, der Las Casas verteidigt hat, aber bei Lewis Hanke handelt es sich nicht um einen Spanier, sondern um einen Amerikaner. Wichtigster Grund für den Hass der Spanier und ihre Leugnung der Wahrheit ist für Enzensberger die Tatsache, dass sich Spanien in seiner Ehre angegriffen fühle: "Als wäre, was der Ehre Spaniens Eintrag tut, eo ipso aus der Luft gegriffen."

Enzensberger zieht sodann viele Vergleiche zwischen seiner eigenen Situation und der von Las Casas. So beschleicht den Leser der Eindruck, als wolle der Autor Vergleiche zwischen den Spaniern des 15. Jahrhunderts und den Deutschen des Nationalsozialismus ziehen. Obwohl Las Casas kurzgefasster Bericht rein thematisch kaum etwas mit unserer Zeit zu tun hat, bezeichnet Enzensberger das Buch als "monströs", es rieche durchdringend nach "gleichzeitig". Geschichte wiederhole sich immer wieder, und Enzensberger kritisiert, dass Geschichte oft zu einer "Anhäufung nichtsagender Fakten" werde, wodurch der Mensch dem Trug zum Opfer falle, so wie es sei, sei es immer gewesen, woraus folge, so werde es auch immer bleiben. Als konkrete Beispiele nennt Enzensberger das Verhalten der deutschen Faschisten und die Widersacher de Las Casas. Die einen wollen Las Casas Lügen strafen, indem sie betonen, man habe statt zwanzig Millionen Indianern höchstens acht oder fünf oder drei umgebracht, die anderen suchen Schutz hinter der Behauptung, es seine doch gar nicht sechs Millionen Juden gewesen, höchstens fünf.

Auf den letzten fünf Seiten des ersten Teils versucht Enzensberger darzulegen, aus welchen Gründen er den Bericht von Las Casas für authentisch und glaubwürdig hält. Zu diesem Zwecke führt er die innere Schlüssigkeit des Werkes und die die …konomie Spaniens an. "Das ist kein Bericht vom Hörensagen: so spricht nur einer, der das brandrote Haar [der Perlentaucher] und die verkrusteten Schultern mit eigenen Augen gesehen hat."


Der komplette zweite Teil des Essays befasst sich mit der historischen Figur des Bartolomé de Las Casas, der 1474 als Sohn eines Adeligen zur Welt kam. Schon früh beschäftigte sich der 1511 zum Priester geweihte Bischof mit der indianischen Kultur, und er hatte mit allen großen Köpfen der Expedition "Pazifizierung" zu tun, die die "vollständige Unterwerfung der Inseln" zum Ziel hatte. Las Casas war sogar zunächst am System der Ausbeutung der Indianer persönlich interessiert, betrieb einträgliche Gruben und Plantagen. Erst später begann sein Kampf gegen die Ausbeutung und Ermordung der indianischen Völker. Enzensberger schließt seinen Essay mit einem erneuten Vergleich zwischen unserer Zeit und der des Las Casas. Die Kernaussage ist: "Es gibt keine friedliche Kolonisation". Der Kampf, den Las Casas focht, spielt sich auch in unserer Zeit noch ab. Die Krieg in Vietnam ist für Enzensberger das beste Exempel. "Die Schlagzeilen, die wir jeden Morgen im Briefkasten finden, beweisen, daß die Verwüstung der Indianischen Länder weitergeht. Der kurzgefasste Bericht von 1542 ist ein Rückblick in unsere eigene Zukunft."

Judith Lange
2006

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