landessprache

Hans Magnus Enzensberger: landessprache. gedichte. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1960.

Umschlag

Der 1960 veröffentlichte Gedichtband landessprache ist Hans Magnus Enzensbergers zweiter Lyrikband. Thematisch beziehen sich die Gedichte auf die westdeutsche Wirtschaftswunderwelt der 50er Jahre, zu der Enzensberger eine nonkonforme Haltung einnimmt. Seine Gedichte zeichnen das Bild eines Landes, das von „Anpassungsdruck und Mitläufertum, [...] Aufstiegsdenken und [...] Wohlstandeuphorie“ und „selbstgerechter Ignoranz“1 geprägt ist. Enzensberger charakterisiert Deutschland einerseits als „Musterland“2 und andererseits als „Mördergrube“ (S. 9). Damit ist landessprache der Versuch einer „intellektuellen Standortbestimmung“ (KLG, S. 3) innerhalb einer Gesellschaft, in der „es aufwärts geht, aber nicht vorwärts“ (S. 7).

Jedem der fünf Abschnitte des Gedichtbandes ist ein Zitat in Originalsprache vorangestellt. Nach Aussagen des Schriftstellers sollen die Zitate vor allem verdeutlichen, dass er in diesem Gedichtband nichts Neues mache, denn schon die alten Griechen hatten Schriften verfasst, in denen sie scharfe Kritik an ihren Landsleuten und der Politik zum Ausdruck brachten. Dies lässt sich exemplarisch besonders gut am ersten Zitat aufzeigen: „Er [Parrhasius] wollte sie [seine Landsleute] so darstellen, wie sie ihm vorkamen: also von gescheckter Art, reizbar, ungerecht, zum Opportunismus neigend; dabei leicht zu beeinflussen, weichherzig, gutmütig, selbstlos, hochtrabend, eingebildet, gemein, blindwütig, hasenfüßig – und zwar all das auf einmal und zugleich.“ (Plinius, Hist. Nat. XXXV, X). Somit stehen die Zitate zwar in Zusammenhang mit den Gedichten, da sich in ihnen die zeit– und gesellschaftskritische Thematik der Lyrik deutlich widerspiegelt, zum direkten Verständnis der Gedichte seien sie, so der Autor, jedoch nicht vorausgesetzt. Dies erklärt auch, warum die deutschen Übersetzungen der Zitate dem Buch nur in Form eines losen Blattes unter dem Titel gebrauchsanweisung beigefügt sind. In dieser gebrauchsanweisung gibt Enzensberger an, dass seine Gedichte „Gebrauchsgegenstände, nicht Geschenkartikel“ (ebd.) seien, und er betont, dass das Ziel seiner Gedichte „nicht Erregung, Vervielfältigung oder Ausbreitung von Ärger“ (ebd.) sei. Vielmehr solle der Leser über seine Gedichte nachdenken, und dann selber entscheiden ob er ihnen zustimmt oder nicht.

Aus heutiger Sicht ist landessprache als ein wichtiges Werk der deutschen Nachkriegsliteratur einzustufen; im Erscheinungsjahr 1960 jedoch war Enzensbergers Lyrikband alles andere als unumstritten, sondern löste heftige Kontroversen aus. Diese Kontroversen bezogen sich gerade auf die Aspekte der Gedichte, die sie rückblickend so bedeutsam machen: erstens Enzensbergers Verständnis von einem politischen Gedicht und zweitens die modernen Stilmittel, die er verwendet.

In landessprache setzt Enzensberger die in seinem späteren Aufsatz Poesie und Politik (1962) deutlich zur Sprache gebrachten Grundsätze zum Verhältnis von Literatur und Politik bereits in die Praxis um. Laut Enzensberger müsse „der politische Aspekt der Poesie [...] ihr selber immanent sein. Keine Ableitung von außen vermag ihn aufzudecken.“ (KLG, S. 6) Ferner sei es der „politische Auftrag“ jedes Gedichtes, „sich jedem Auftrag zu verweigern und für alle zu sprechen noch dort, wo es von keinem spricht, von einem Baum, von einem Stein, von dem, was nicht ist. [...] Das Gedicht, das sich [...] verkauft, ist zum Tod verurteilt.“ (ebd.) Durch diese Grundsätze bestimmt sich Enzensbergers lyrikgeschichtlicher Standort, sie sind, zumindest für die ersten drei Lyrikbände, ein Markenzeichen seiner Gedichte und verleihen ihm in der Poesie der Nachkriegszeit klares Profil: politische Analyse und Kritik sind nicht unmittelbar und parteiergreifend, sondern ein immanenter Bestandteil seiner Lyrik. Doch nicht nur inhaltlich, auch stilistisch verfeinert Enzensberger mit landessprache seine Technik der Collage und der Montage, mit der er in verteidigung der wölfe neue Wege in der Nachkriegslyrik gegangen war. Er „mischt mehrere Ebenen: Losungen der Boulevard–Presse [...], Reklame, Ikonen der Konsumgesellschaft, [...] ramponierte Reste einer Bildungssprache [...], ironisch gewendete Gebetsformeln, [und] schließlich Zeitungsphrasen [...]“ (KLG, S. 4) – all diese Ebenen werden zusammengefügt. Durch diese Collage– und Montagetechnik „erweitert er die Sprache des Nachkriegsgedichts um einen Bereich, der [zuvor] noch häufig [...] verborgen war.“ (KLG, S. 4)

1969 erschien eine Neuausgabe von landessprache im Taschenbuchformat in der edition suhrkamp (Nr. 304). In der sechsbändigen Ausgabe der "Gedichte" von 1999 sind die Gebrauchsanweisung und die Übersetzungen der Zitate merkwürdiger Weise nicht enthalten.



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1Kritisches Lexikon der Gegenwartsliteratur: Hans Magnus Enzensberger, S. 4. Im Folgenden zitiert als KLG, Seitenangabe.

2 Hans Magnus Enzensberger: landessprache. gedichte. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1960. S. 13. Im Folgenden zitiert unter einfacher Seitenangabe.