Klassenbuch 1-3

Vorbemerkungen:

Jedem Band geht eine Vorbemerkung der Herausgeber voraus, die etwas mehr als zwei Seiten umfaßt. Klassenbuch 1 – Ein Lesebuch zu den Klassenkämpfen in Deutschland 1756-1850 und Klassenbuch 2 – Ein Lesebuch zu den Klassenkämpfen in Deutschland 1850-1919 haben jeweils identische Vorbemerkungen (bis zur sechsten Auflage beim Klassenbuch 1 und bis zur neunten Auflage beim Klassenbuch 2 überprüft). Klassenbuch 3 - Ein Lesebuch zu den Klassenkämpfen in Deutschland 1920-1971 weist in der ansonsten ebenfalls identischen Vorbemerkung einen knappen Einschub von zwölf Zeilen zum Thema DDR auf.

Die Vorbemerkung wurde wie die Signatur („Berlin, im März 1972 - Die Herausgeber“) belegt, von allen Herausgebern verfasst oder zumindest autorisiert. So ist im Text auch immer von „wir“ die Rede. Die Herausgeber erläutern, wieso ein derartiges Lesebuch nötig sei und was es eigentlich wolle. Eingeleitet wird das mit einem Zitat aus Friedrich Engels´ Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft:„...daß alle bisherige Geschichte, mit Ausnahme der Urzustände, die Geschichte von Klassenkämpfen war, daß diese einander bekämpfenden Klassen der Gesellschaft jedesmal Erzeugnisse sind der Produktions- und Verkehrsverhältnisse, mit einem Wort, der ökonomischen Verhältnisse ihrer Epoche, daß also die jeweilige ökonomische Struktur der Gesellschaft die reale Grundlage bildet, aus der der gesamte Überbau der rechtlichen und politischen Einrichtungen sowie der religiösen, philosophischen und sonstigen Vorstellungsweise eines jeden geschichtlichen Zeitabschnitts in letzter Instanz zu erklären sind.“ Diese Erkenntnis ist auch die Basis des Lesebuchs, denn die Herausgeber haben sich daran gemacht, die Klassenkämpfe in Deutschland und die ihnen zu Grunde liegenden ökonomischen Strukturen näher zu beleuchten. Dabei habe man bei der Textauswahl bewusst den Schwerpunkt auf autobiografische Texte gelegt. Die Stimmen der herrschenden Klassen seien in Zitaten vernehmbar und nähmen den Stellenwert von Gegenstimmen ein. Andere Texte, die durch Inhalt, Gestus und Sprache die Klassenlage des Autors deutlich erkennen ließen, nutzten dagegen zumeist Mitteilungsformen, die in der bürgerlichen Literaturtradition als sekundär gälten. Dieses "Sekundäre" war den Herausgebern nun aber das Allerwichtigste. Denn gerade Auszüge aus Autobiografien von Arbeitern, Handwerkern, Bauern und Soldaten, sowie Reportagen und Kampflieder, Gerichtsprotokolle und Gutachten, Briefe und Flugblätter drückten schließlich wichtige, eigentlich "primäre" Erfahrungen aus.

Die Herausgeber grenzen sich ab von den üblichen Lesebüchern der Bundesrepublik, die sehr parteiisch seien und die Geschichte der deutschen Gesellschaft lediglich unter dem Gesichtspunkt und im Interesse der herrschenden Bourgeoisie darstellten. Ihr kritisches Moment, so fern eins überhaupt vorhanden war, sei nur darauf beschränkt, die Widersprüche zwischen Fraktionen aufzudecken. Die Aufgabe eines nützlichen Lesebuchs bestünde aber in der Überschreitung von Schranken der Schulfächer und Lehrpläne und auch die Trennungslinie, die die herrschende Übereinkunft zwischen Politik und Geschichte, Ökonomie und Literatur gezogen habe, müsse hinter sich gelassen werden. Im "Klassenbuch" sollten die Arbeits- und Lebensverhältnisse der unterdrückten Klassen in Deutschland im Vordergrund stehen. Und natürlich dürfte dabei die Darstellung ihrer Interessen, ihrer Kämpfe und Siege, sowie ihrer Niederlagen nicht fehlen.

Bei der Anordnung sei auf gegenseitige Ergänzung und Korrektur sowie auf den Bezug zu größeren thematischen Komplexen geachtet worden. Da sich die Texte selbst erklären sollten, verzichte man auf Kommentare nach Möglichkeit völlig und gebe Worterklärungen und biografische Angaben nur dort, wo sie unentbehrlich erschienen.

Weiterhin machen die Herausgeber deutlich, dass ein Lesebuch zu den Klassenkämpfen in Deutschland, das sich auf Texte deutscher Sprache beschränke – wie es im "Klassenbuch" geschieht - spätestens im geschichtlichen Stadium des Imperialismus keine ausreichende Darstellung der Kämpfe mehr bieten könne; was (neben dem nicht erhobenen Anspruch auf Vollständigkeit) ein Grund sei, warum das Klassenbuch das Studium der historischen Ereignisse, der ökonomischen Theorie, der Literaturgeschichte, der Geschichte der internationalen Arbeiterbewegung und ihrer Organisation nicht ersetzen könne. Da aber ein derartiges Studium, wenn ihm die Anschauung fehle, leicht zur Buchstabenklauberei verkommen könne, so die Herausgeber, solle ihr Klassenbuch dabei helfen ein Feld von historischen Erfahrungen zu eröffnen, das die Klassenkämpfe in Deutschland sinnlich greifbar und begreiflich macht.

Im letzten Abschnitt gehen die Herausgeber auch auf die Frage nach der Rezeption ein. Ihnen sei bewusst, dass ein Lesebuch nicht aus sich selbst heraus Erkenntnisprozesse bei den Lesern einleiten könne und so sei seine Wirksamkeit und die Arbeit der Herausgeber davon abhängig, ob und wie die Schüler, Lehrer, Lehrlinge und andere Leser aus einem politischen Interesse heraus an die Texte herangingen. Es solle vor allem im Ausbildungsbereich ein Hilfsmittel sein, egal ob es nun im Deutsch-, Geschichts-, Gesellschaftskunde- oder Arbeitslehreunterricht Anwendung fände.

Zuletzt folgt noch der formale Hinweis, dass Kürzungen innerhalb der Texte durch eckige Klammern gekennzeichnet worden seien und dass die Orthografie der älteren Texte, mit wenigen Ausnahmen, der aktuellen Schreibweise (von 1972) angepaßt worden seien.

Leicht variierte Vorbemerkung im Klassenbuch 3 – Ein Lesebuch zu den Klassenkämpfen in Deutschland 1920-1971:

Der bereits erwähnte am Ende der zweiten Seite eingefügte zwölfzeilige Einschub in der Vorbemerkung zum Klassenbuch 3 bezieht sich auf die, wie die Herausgeber es nennen, „besondere Schwierigkeit“ der Darstellung der Klassenkämpfe in der DDR. Dafür geben sie drei wesentliche Gründe an: Zum einen sei es ihnen nicht gelungen, einen direkten Zugang zu den Quellen, Dokumenten und Aussagen von Arbeitern und Bauern zu finden; zum zweiten lasse sich diese Lücke weder durch die Parteigeschichte der SED noch durch bürgerlich-antikommunistische Einschätzungen schließen. Desweiteren sei man der Meinung, dass das Urteil der Basis – also der Bürgerinnen und Bürger – über den Aufbau des Sozialismus in der DDR auch nicht von in der DDR lebenden prominenten Intellektuellen, deren Kritik zum Zeitpunkt der Auswahl für die Lesebücher bis in den Westen hörbar war, ersetzt werden könne. Somit erklärt sich wohl auch der hohe Anteil an Berichten und Erzählungen von DDR-Flüchtlingen im Klassenbuch 3. Die restlichen Anmerkungen in der Vorbemerkung zur Rezeption und Edition blieben unverändert.