Kiosk. Neue Gedichte

Hans Magnus Enzensberger: Kiosk. Neue Gedichte. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1995.

Umschlag

Hans Magnus Enzensbergers Gedichtband Kiosk. Neue Gedichte (1995) ist in vier Abschnitte eingeteilt: Geschichtsklitterung, Gemischte Gefühle, Belustigungen unter der Hirnschale, In der Schwebe. Auf dem dunkelgrünen Einband der Originalausgabe sind fünf kunstvoll aus Papier geformte Modelle weißer Gartenpavillons zu sehen, die den anspielungsreichen, poetisch vieldeutigen Inhalt des Buches andeuten. Worterklärungen, z.B. auch über den Zusammenhang zwischen Titel und Bild, enthält der Klappentext: Kiosk, im Türkischen ursprünglich Gartenhäuschen, heißt im heutigen deutschen Sprachgebrauch „ein frei stehendes Verkaufshäuschen für Zeitungen, Zigaretten, Süßigkeiten und Getränke“ (Wahrig, Deutsches Wörterbuch). Er ist ein Knotenpunkt alltäglichen Lebens in seiner Mischung aus Information und Unterhaltung, „Mord Gift Krieg“ (S. 7), die die Medien transportieren, ebenso werden Genuss- und Suchtmittel angeboten. Er ist sowohl Treffpunkt für „Penner, / die Hundekuchen essen“, als auch für „andere Lebewesen, / die pünktlich bei Aufgang / der Sonne in Banken verschwinden“ (S. 7), so im ersten, gleichnamigen Gedicht.

Enzensberger beobachtet den deutschen Alltag. Ein Merkmal seiner Lyrik ist die genaue Beschreibung seiner Umgebungen, z.B. der städtischen Straßen in Abgesehen davon. Dabei scheint es, als ob Enzensberger selbst Teil des Szenarios ist, das er beschreibt. Er hat dennoch soviel Distanz dazu, dass er Einzelheiten lebendig werden lässt. Ein Beispiel dafür ist das Gedicht Unschuldsvermutung. Wo er sich darauf konzentriert, gesellschaftskritische, soziale oder kulturelle Probleme darzustellen, scheint der Text, da der aggressiv-scharfe Blick für das Detail oft wegfällt, manchmal banal zu sein. Das lyrische Ich bewahrt sich auch zu Themen und Gedankengängen eben jene Distanz, die nur bei genauem Hinsehen die Emotionalität und Subjektivität durch den lakonischen Sprachstil durchschimmern lässt; z.B. in Gedankenflucht, wo Enzensberger die Schnelllebigkeit unserer Zeit schildert und starke Kontraste skizziert: „Traumurlaub und Panik“, „Bettzeug, geplatzte Koffer“, die eine subjektive Anteilnahme des Verfassers in verzweifelten Bildern andeuten.

Selbstreflexive Verse sind in Kiosk besonders häufig, so dass die Rhetorik des lyrischen Ichs trotz häufiger Sprachspiele, Metaphern und pointierter Gedichtschlüsse verhalten wirkt. Eine Ausnahme ist das Gedicht Privilegierte Tatbestände, das einen aggressiveren Ton findet und in dem Enzensberger in einer zynisch anmutenden, juristischen Bürokratensprache auf die brutalen Übergriffe von Neonazis gegen Ausländer anspielt. Die Tatsachen im Hintergrund dieses Gedichts veranlassten ihn vermutlich dazu, eine international ein- und übersetzbare Sprache zu gebrauchen. Einen ebenfalls gereizteren, sprachlichen Duktus hat das Gedicht Altes Medium, wo Enzensberger scheinbar sich selbst und das Gedicht an sich verteidigt: „Was Sie vor Augen haben, / meine Damen und meine Herren, / dieses Gewimmel, / das sind Buchstaben. / Entschuldigen Sie.“

Enzensberger äußert sich zu allen irgendwie relevanten Themen, wobei das Allgemeine im Individuellen und Besonderen und globale Themen im Detail alltäglicher Erfahrung anschaulich gemacht werden. Er spielt mit Klischees und Redewendungen, mit der Form des Sonetts und der Ode, die er in einer Hymne an die Dummheit durchkreuzt. Zunehmend subjektiven Themen und philosophischen Gedankengängen nährt er sich in den Abschnitten Gemischte Gefühle, Belustigungen unter der Hirnschale und In der Schwebe.



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