Josefine und ich. Eine Erzählung.

Hans Magnus Enzensberger: Josefine und ich. Eine Erzählung. Frankfurt: Suhrkamp 2006. 147 S.


Titelblatt
Hans Magnus Enzensbergers Erzählung Josefine und ich ist von der bisherigen Kritik meist mit Enttäuschung aufgenommen worden. Der Vorwurf lautet etwa: Während der schwarze Samt des Einbands, der vielleicht als Mäusefell angefaßt werden darf, und der schulheftartige Druck des Titels eine gründliche Auseinandersetzung mit Kafka erwarten lassen, bleibt ihr wirklicher Bezug auf Kafka nur hohles Zitat. Weder inhaltlich noch sprachlich reicht die Erzählung an Kafkas Vorlage heran.
Und tatsächlich: Enzensbergers Erzählung kommt als Collage daher, die enttäuscht, weil sie weit hinter den Erwartungen zurückbleibt. – Doch gerade mit der Enttäuschung, die sie provoziert, knüpft sie eben doch an Josefine, die Sängerin oder das Volk der Mäuse an. Immerhin heißt es über den Gesang von Kafkas Josefine, daß ihn besondere "Schwäche" auszeichne und seine Wirkung auf einem "Rätsel" beruhe. Wobei dessen Wirkung in nichts als dem Selbstwiderspruch liegt, in den sich Kafkas Erzähler verstrickt, sobald er Josefines Vergessenwerden prophezeit und sie mit eben dieser Prophezeiung dem Vergessenwerden entreißt. Oder prägnanter: So wie Kafkas Josefine zur unsterblichen Künstlerin wird, weil der Erzähler sie der Welt, der er berichtet, für immer erhält, wird Enzensbergers Josefine zur Künstlerin, weil der Erzähler von ihr berichtet. Die "Schwäche" der beiden Sängerinnen wird dabei zu ihrer Stärke. Zu maßlos sind ihre Ansprüche, als daß die Erzähler sie nicht in die Grube werfen müßten, aus der sie später als Künstlerinnen hervorkommen dürfen. Nicht umsonst endet ja auch die Prophezeiung von Kafkas Erzähler mit einer Anspielung auf die biblische Josefgeschichte: "Josefine aber, erlöst von der irdischen Plage, die aber ihrer Meinung nach Auserwählten bereitet ist, wird fröhlich sich verlieren in der zahllosen Menge der Helden unseres Volkes, und bald, da wir keine Geschichte treiben, in gesteigerter Erlösung vergessen sein wie alle ihre Brüder."
Läßt man sich auf diese Lesart ein, wird Enzensbergers Erzählung doch noch zu einem Buch mit Tiefgang. In zwei Kapiteln (oder Heften) berichtet der Erzähler Joachim von seinen Unterhaltungen mit der gealterten Sängerin Josefine, die sowohl allen anderen als auch sich selbst ständig widerspricht und von ihrer Dienerin deshalb "Pani" (S. 49), also "Wasser", genannt wird. Josefines Motto: "Und vor allem: keine Diät!" (S. 12) und ihr Stolz auf ihre vielen Verflossenen sprechen dabei für sich. Sie will sich keiner Regel und keiner Lebensart unterwerfen, vielmehr huldigt sie einem Raubtierindividualismus, der weniger auf "Originalität" (S. 26) als auf der Weigerung beruht, mit anderen im Chor zu singen: "Doch dann hat ihr dieser unverschämte Intendant an der Wiener Staatsoper, Hilbert hieß er, eines Tages zugemutet, im Chor mitzuwirken […], aber da hätten Sie Madame Josefine sehen sollen, wie eine Tigerin ist sie über ihn hergefallen." (S. 50) Joachim, der Ökonom und Wis-senschaftler, hebt dagegen aus moralökonomischen Gründen auf die Notwendigkeit einer statischen Selbstdefinition ab: "Ich hatte keine Lust, die Heiligen zu verteidigen, während sie eine Praline nach der anderen verzehrte. Aber nach einer langen Pause warf ich ihr einen Brocken hin […]. Siehe Gandhi, siehe Sankt Theobald, der seine prächtigen Gewänder gegen die Lumpen eines Bettlers eintauschte, sich als Knecht bei den Bauern verdingte und nur ein Stück Schwarzbrot als Lohn annahm. […] Sehr verdienstvoll, finden Sie nicht? […] Sie wollen mir wohl den Appetit verderben, sagte sie. Verdienst! Das hört sich doch ver-dächtig nach einer Gehaltsabrechnung an." (S. 32)
Im zweiten Kapitel wird das Grundmuster der Gespräche dann variiert, da Joachim sich verliebt und erfährt, daß auch sein Selbst nicht statisch ist: "Am Samstag Eintracht gegen Fortuna Düsseldorf. Hella hat sich geweigert mitzukommen. Angeblich haßt sie alles, was mit Fußball zu tun hat. Unglaublich! Ich war sofort bereit, auf das Spiel zu verzichten. Das hätte ich noch vor vier Wochen nicht für möglich gehalten." (S. 113); und daß die Dynamik seines Selbst einen veritablen Schuldgrund vorstellt. Zumindest schreibt er es sich selbst zu, daß seine Ex-Frau sich in Rußland das Leben genommen hat: "Übrigens, da fällt mir Ihre Natascha oder Nadja ein. Was ist eigentlich aus ihr geworden? Alles in Ordnung nach Ihrer Scheidung? [/] Also doch! Sie kann es einfach nicht lassen. Aber diesmal gab ich nicht nach. Josefine von Nadjas Tod zu erzählen, dazu war ich nicht bereit. [/] […] Ein abgeschlossenes Kapitel, sagte ich nur und verstummte. [/] […] Keine Schuldgefühle? [/] […] Ihnen sind solche Regungen vermutlich unbekannt, Josefine. [/] […] O nein. Aber ich gehe sparsam mit ihnen um. Wozu soll ich mir an die Brust schlagen, wenn niemand etwas da-von hat? Solange man etwas gutmachen will, falls man dazu aufgelegt und imstande ist – meinetwegen. Aber sonst? Sie vergeuden Ihre Gefühle, lieber Joachim! Habe ich Ihnen nicht eingeschärft, daß das rare Ressourcen sind, mit denen Sie haushalten müssen? Sie sind doch Ökonom, nicht wahr? Dann verstehen Sie gewiß, was ich meine." (S. 126)
Insgesamt kreisen die Gespräche also um die Möglichkeit, sich ohne größere seelische Schäden als unabhängiges Selbst zu konstituieren. Etwas, das freilich nur unter Anwendung einer List erreicht werden kann, da Unhabhängigkeit schon längst eine "Wahnvorstellung" (S. 134) ist und man allenfalls als Unabhängiger anerkannt werden, nicht aber im wahrsten Sinne unabhängig sein kann. Wie man als Unabhängiger anerkannt wird, weiß Josefine indes genau. Sie muß ihr Publikum nur in ihr "unentwirrbares Knäuel von Lüge und Wahrheit, Klugheit und Unsinn, Hochmut und Einsicht, Grazie und Kaltblütigkeit" (S. 146) einspinnen und auf ihre "Eitelkeit" (S. 10) pochen, um diese Anerkennung zu ertrotzen. Sie muß ihre Selbst-Liebe zum Kult machen und mit ihren Schuldgefühlen haushalten. Das Publikum besorgt dann den Rest, indem es sie in die Grube wirft (S. 143):
When I am laid in earth,
may my own wrongs create
no troble in thy breast.
Remember me, remember me,
But ah! Forget my Fate.1
Im "Postskriptum" des Buches zeigt Joachim schließlich, dass Josefine eine gute Lehrerin gewesen ist. "Fünfzehn Jahre später" (S. 145) ist Joachim mit "Vanessa" (S. 145) und also einer Frau jenes Namens verheiratet, den Swift mit seinem Gedicht Cadenus and Vanessa nicht nur erfunden und in die Weltliteratur eingeführt, sondern als Name eines von Venus und Athene geschaffenen Wesens auch zum Synonym der Selbst-Liebe gemacht hat. Ob er den "mumbo jumbo" (S. 145) der Ökonomie damit wirklich so hinter sich gebracht hat, wie er sagt, ist allerdings zu bezweifeln. Vielleicht ist er nur zu einem ganz besonderen Ökonomen geworden: "Sie sollten wieder einmal die Bibel lesen, lieber Freund. 'Sehet die Lilien auf dem Felde, sie arbeiten nicht, sie spinnen nicht' und so weiter." (S. 57)

1Die Verse sind dem Schlußgesang der Dido in Henry Purcells Oper Dido and Aeneas (1689), Text von Nahum Tate, entnommen.

Hans Kruschwitz
2007

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