Im Irrgarten der Intelligenz

Hans Magnus Enzensberger: Im Irrgarten der Intelligenz. Ein Idiotenführer. Frankfurt am Main: Suhrkamp 2007 (= es 2532). 60 Seiten.


Umschlag
Wie immer vielbelesen schreibt sich der Idiotenführer Enzensberger in zwölf knapp gehaltenen Kapiteln durch den Irrgarten der Intelligenz. Von der Etymologie des Wortes Intelligenz ausgehend, begleitet er ihren geschichtlichen Gang durch den europäischen Westen: von der griechischen Antike über die Latinität zum theologisch geprägten Mittelalter, von ihrer Blütezeit in England und Frankreich im 17. Jahrhundert bis hin zum Eintritt in Campes Wörterbuch der Deutschen Sprache im Jahre 1801. Der begriffsgeschichtliche Exkurs wird ergänzt durch eine Gegenwartsaufnahme der deutschen Sprache. Den Deutschen beim Sprechen "aufs Maul" schauend entdeckt er, daß der I-Begriff einem Passepartout-Begriff gleicht, der je nach Lust und Laune für eine Vielzahl von menschlichen Geistesgaben Verwendung findet, jedoch in seiner Negation einen viel beliebteren Zwilling hat: die Dummheit. Unser alltäglicher Sprachgebrauch von diesem Zwilling verrät, daß wir uns permanent selbst ins eigene Fleisch schneiden: die Dummheit ist eine Phobie der modernen Gesellschaft, denn bedauerlicherweise neigen wir dazu, Alltag und Klinik, Dummheit und Krankheit in einen Topf zu werfen: "Unklar bleibt, ob es einem, der »nicht alle Tassen im Schrank« hat, nur an Klugheit fehlt oder ob es sich um einen Fall für die Psychatrie handelt." (S. 21) Auch muß die menschliche Spezies mit all ihren leistungsbezogenen Vergleichen aus der Tierwelt wie Spatzenhirn, Schafsnase, Pute, Gans, Rindvieh, (Horn-)Ochse, Kuh, Gorilla und Kamel schlichtweg als Mängelwesen abschneiden, denn sogar "die bescheidene Stubenfliege ist imstande, dem verärgerten Jäger mit der Klatsche immer wieder zu entkommen, weil sie über ein beneidenswertes System der Koordination und über ein Reaktionsvermögen verfügt, dem wir nichts Vergleichbares entgegenzusetzen haben." (S. 22f.) Tiere und ihre übermenschlichen Fähigkeiten werden also herangezogen, um menschliche Defizite zu benennen, zugleich bewundern wir ebendiese Fähigkeiten, wenn wir sie dem I-Wort zuschreiben.

Alfred Binet und sein Kollege Theodore Simon kamen Ende des 19. Jahrhunderts auf die Idee – im Auftrag der "aufgeklärten französischen Regierung" (S. 24) –, "etwas zu messen, was bis dahin nie beziffert worden war: die Intelligenz." (S. 25) Binet gilt als Begründer der berühmt berüchtigten Intelligenz-Tests, so lehrt uns der Idiotenführer; dennoch war der Gründervater davon überzeugt, daß sich die Wundergabe Intelligenz, woraus auch immer sie jetzt bestehen mag, nicht mit einer einzigen Zahl abbilden ließe. Anders seine Nachfolger: der deutsche Psychologe William Stern zum Beispiel, der 1912 den Begriff des IQs, des Intelligenz-Quotienten, prägte, indem er hierfür zu sämtlichen Methoden, die der Werkzeugkasten der Statistik zu bieten hatte, griff und sein Verständnis von Intelligenz mit erstaunlicher mathematischer Präzision auf eine Formel brachte. Enzensberger zitiert eine komplizierte und eine einfache Formel für die Berechnung des IQs. (Verrät der Rückgriff auf die Zitiertechnik und das Fehlen jedweder ausführlichen Erklärungen, die wir sonst vom mathematikbegeisterten Enzensberger gewöhnt sind, daß unser Idiotenführer diese Formeln genausowenig verstanden hat wie ich?)

Hastig geht es von der "höheren Sphäre der Methodenforschung" (S. 30) weiter zu der vertrauteren Praxis der Intelligenzvermessung, zu dem britischen Bestseller-Autor Hans Jürgen Eysenck, dessen Werk Intelligence. A New Look sich weltweit millionenfacher Verkäufe erfreute ("die deutsche Übersetzung trägt den albernen Titel Die IQ-Bibel", ein weiteres "Taschenbuch, das seit mehr als fünfzig Jahren zahllose Auflagen erlebt hat: Intelligenz-Test" (S. 30)). Die Kritik Enzensbergers fällt hart aus, ist aber berechtigt, denn sie trifft den Kern der populären Intelligenz-Philosophie: "nur, wer sich selber für intelligent hält, wird sich für berechtigt halten, über die Intelligenz seiner Mitmenschen zu urteilen. Damit begibt er sich auf eine Metaebene, und das ist bedauerlicherweise nur der Anfang. Denn dasselbe gilt auch für den, der über den Urteiler urteilt: er riskiert einen infiniten Prozeß." (S. 54) Am Ende werden wir sehen, wie der Verfasser verhindert, daß die rekursive Falle nicht auch über ihm zuschnappt.

Die grundsätzlichen Zweifel an der Meßbarkeit der Intelligenz haben ihre Berechtigung. Der Biologe und Evolutionsforscher Stephen Jay Gould aus Harvard diskutierte die zwei fundamentalen erkenntnistheoretischen Trugschlüsse, die zum einen in der Methodik liegen, zum anderen in der Ideologie: die politische und soziale Problematik der Intelligenzvermessung. Wer bislang nicht wußte, wer Francis Galton war und was es mit dem Begriffen Eugenik, Psychometrie und Rassenzüchtung (euphemistischer: Verbesserung der Menschheit) auf sich hat, dem geht spätestens hier ein Licht auf. Mit seinem Buch The IQ Argument: Race, Intelligence and Education wollte unser "Lieblingsautor" Eysenck, der unerbittlicher Anhänger der reinen Vererbungstheorie war, beweisen, daß "der IQ der Schwarzen in Amerika ganz allgemein niedriger ist als der der weißen Bevölkerung; ihre intellektuelle Unterlegenheit sei angeboren, wie überhaupt der genetische Anteil an der geistigen Ausstattung eines Menschen bei weitem überwiege." (S. 43) Auch Henry Herbert Goddard, der lange vor dem 1. Weltkrieg Binets Tests übersetzte und anwand, hielt die so gemessene Intelligenz für eine feste, angeborene Größe: "Er unterschied Normale, Schwachköpfe (morons, ein Ausdruck, den Goddard geprägt hat) und Demente. 'Wir arbeiten ständig an der Steigerung unserer Effizienz', schrieb Goddard. Verbrecher, Prostituierte und Alkoholiker stufte er als morons ein und schlug vor, sie in Anstalten einzuweisen, wo ihr Sexualtrieb unter Kontrolle gebracht werden sollte. Auf diese Weise würde sich diese Population nicht mehr fortpflanzen." (S. 42) Ohne einen hochsensiblen politischen Nerv deutscher Vergangenheit zu berühren, macht Enzensberger einen großen Zeitsprung ins Jahr 1994, als nochmals eine Studie die Ergebnisse genetischer Tests und I-Tests mit Klassenanalysen korrelierte und im 845 Seiten starken Buch The Bell Curve (der Titel nimmt Bezug auf die Gaußsche Normalverteilungskurve) von Richard J. Herrnstein und Charles Murray zum Verkaufsschlager wurde. Dieser Tabubruch gegen Ende des letzten Jahrhunderts "führte zu einer erbittert ausgetragenen öffentlichen Kontroverse. Der Vorwurf des Rassismus konnte nicht ausbleiben", und Enzensberger bringt es auf den Punkt, wenn er schreibt: "Die landläufigen Tests eignen sich, ganz wie bei den Screenings der US Army aus dem Ersten Weltkrieg, hervorragend als Mechanismus der sozialen Selektion." (S. 45)

Der Irrgarten verzweigt sich nach diesem Höhepunkt in Exkursen zu John C. Ravens Matrizentest (der beweist, daß ein jeder Experte hoffnungslos überfordert wäre, wenn er die Intelligenz eines beliebigen "Forscher[s] aus Stanford, London oder Berlin" mit der eines "Inuit[s] aus Grönland", eines "Indio[s] aus dem Amazonasbecken" und eines "Seefahrer[s] aus Polynesien" vergleichen müßte, und zwar aus dem einfachen Grunde, weil sich Intelligenz nicht losgelöst von sprachlichen und kulturellen Horizonten messen läßt) und zu dem sogenannten Flynn-Effekt, der einmal mehr die Borniertheit unseres Zeitalters, die von Überlegenheits- und Allmachtsphantasien gezeichnet ist, zum Ausdruck bringt.

Nach diesen historischen Einführungen in die Wissenschaftsgeschichte des Phänomens Intelligenz und ihrer Meßverfahren folgend gilt es nun, einen kritischen Blick in die unmittelbare Gegenwart zu werfen. Man mag mittlerweile die experimentelle Psychologie als altbacken erachten, auch scheint die Konjunktur der Intelligenzvermessung durch die Diskurshoheiten Gehirnforschung und Kognitionswissenschaften abgelöst zu sein. Doch der IQ-Begriff hat sich ausgeweitet, wird nun auch von der Produkt- und Werbebranche, in der "von intelligenten Autos, Kochherden, Telephonen, Häusern, Waschautomaten und Küchenmaschinen" (S. 50) die Rede ist, Beschlag genommen; und das "erste nationale Sicherheitsforschungsprogramm der deutschen Regierung trumpft sogar mit »optischen intelligenten Zäunen« und »intelligenten Detektorplattformen« auf" (S. 51). Doch des technisch-technologisch intelligenten Neulands nicht genug; wir dürfen auf weitere neue Erkenntnisse und neue Irrtümer gespannt sein! Weit ehrgeiziger präsentieren sich die "Propheten der Künstlichen Intelligenz" (i.e. Artificial Intelligence, kurz AI), die vor knapp fünfzig Jahren ihre technische Utopie ganz der Zukunft, den Computerhirnen und der Vision der Unsterblichkeit verschrieben haben; noch im Juli 2000 verkündete der AI-Spezialist Ray Kurzweil ungeniert in einem Gespräch mit der FAZ: "Wir erlangen die Macht über Leben und Tod." Wer aber glaubt, daß die Intelligenz mittlerweile nur noch auf leblose Objekte projiziert wird, der irrt sich, denn die IQ-Industrie boomt, ist Kult, fester Bestandteil unserer modernen Gesellschaft: "Über fünfhundert Millionen solcher Prüfungen müssen Kinder und Erwachsene allein in den Vereinigten Staaten alljährlich über sich ergehen lassen." (S. 51) Unerschrocken bahnt sich die IQ-Industrie ihre Wege zu uns nach Hause, mischt sich in unsere Köpfe. Die Sucheingabe IQ bei Google ergab bei Enzensberger 109 000 000 Treffer; offenbar hemmungslos und voller Vertrauen lassen wir uns testen, beurteilen und schulen von internetalen Angeboten wie "Manager-IQ. Testen und steigern Sie Ihre Führungsintelligenz; What's Your Jewish IQ? The Great Football IQ Quiz Book; Test Your Rock IQ; IQ-Test für Katzen. Wie intelligent ist Ihre Katze wirklich?; IQ Islamic Quiz; Trainieren Sie Ihren Kalorien-IQ; Alien-IQ-Test; What's Your Sexual IQ; Bible IQ; Karriere-IQ. Testen und steigern Sie Ihre Erfolgsintelligenz; Baby IQ. Für das Genie im Kind; Steigern Sie Ihren Golf-IQ..." (S. 54)

Der Idiotenführer lehrt uns – am Ende seines Essays angelangt – folgende Weisheit: "Wir sind eben nicht intelligent genug, um zu wissen, was Intelligenz ist" (S. 55); der Dichter Enzensberger widmet sich lieber dem ewigen Widerpart der Intelligenz, stiftet lieber, was bleibet, und schließt die Führung durch den Irrgarten mit einer Hymne an die Dummheit1, mit der er sich immerhin geschickt aus dem infiniten Regreß, der rekursiven Falle, zu winden vermag.

Trotz alledem – und so sagt es uns auch der Klappentext: "Kein theoretisches Stirnrunzeln, kein wissenschaftlicher Skrupel wird uns daran hindern, unseren Mitmenschen nachzusagen, sie seien, je nachdem, wie uns zumute ist, intelligent oder dumm." (S. 55)


1Erstdruck der gleichnamigen Hymne in: Kiosk. Neue Gedichte. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1995.

Shangning Postel
2007

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