Im Gegenteil

Hans Magnus Enzensberger: Im Gegenteil. Essays, Szenen, Gedichte. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1981. 479 S.

Umschlag

„Im Gegenteil! Widersprüche stören mich nicht, sie gefallen mir, sie inspirieren mich, ohne sie kriege ich keine Luft.“1 Dieses Zitat verleiht dem Buch seinen Namen. Es ist entnommen aus der Antwort auf eine der vier Fragen, die Enzensberger am Ende des Buches sich selber stellt und beantwortet. Eine Besonderheit, denn ansonsten besteht das Buch aus einer Reihe von Essays, Zwischenrufen, Briefen, Gedichten, politischen Polemiken, Reden, Abhandlungen und Balladen, die aus verschiedenen Publikationen Enzensbergers stammen. Sie stammen aus verteidigung der Wölfe, landessprache, Einzelheiten, Politik und Verbrechen, blindenschrift, Deutschland, Deutschland unter anderm, Gedichte 1955–1970, Palaver, Der Weg ins Freie, Kursbuch, TransAtlantik und anderen. Der Sammelband enthält auch das neue Gedicht In zehn Sekunden ist alles vorbei von 1981. Das Sammelwerk ist unterteilt in fünf Abschnitte. Zusätzlich gibt es in diesem Buch „Schildchen, die das Entstehungsdatum tragen, damit auch die Unordnung ihre Ordnung hat.“ (S. 475)

Die vier Fragen, die anfangs angesprochen worden sind, lauten: „Ob es einen Sinn hat dieses Buch zu lesen“, „Ob dieses Buch einen Standpunkt vertritt“, „Ob in diesem Buch Ordnung herrscht“ und „Ob ein Verfasser sich selbst kommentieren sollte“. Da der größte Teil der oben aufgelisteten Werke in anderen Buchvorstellungen erläutert wird, gehe ich hier auf die vier Fragen ein. Zur ersten Frage „Ob es einen Sinn hat dieses Buch zu lesen“ sagt Enzensberger, dass niemand die Frage nach dem Sinn aus der Welt schaffen kann und keiner sie beantworten kann. Enzensberger kann und will vielleicht auch keine Antwort auf diese Frage geben. „Dichter können nicht das herbeischaffen, was die menschliche Gesellschaft verweigert.“ (S. 472) Er kann keine Erlösung bieten, seine Arbeit „stiftet keinen Sinn, sondern Zweifel.“ (ebd.)
Zur zweiten Frage „Ob dieses Buch einen Standpunkt vertritt“ sagt er, dass dieses Buch keinen Seelentrost und keine Lebenshilfe gebe. Außerdem habe er keine Lust, sich selber „festzunageln“ (ebd.) und will keine Bekenntnisse ablegen.
Die Frage, „ob in diesem Buch Ordnung herrscht“, beantwortet Enzensberger damit, dass Literatur sich nicht ablegen lasse wie „Aktenberge“ (ebd.). Er mischt Essays, Szenen, Gedichte etc. durcheinander, aber „nicht nur schließt eins das andere nicht aus, sondern das eine könnte sogar ein Licht auf das andere werfen.“ (ebd.) Sein Werk sei keine „pedantische Registratur“, sondern ein „blühendes Durcheinander von Formen und Zeiten“ (ebd.). Das einzig ordnende Prinzip seien die Zeitangaben, mit denen die Texte versehen sind.

Abschließend stellt er zur vierten Frage: „Ob ein Verfasser sich selbst kommentieren sollte“, fest, dass die Weisung, dies nicht zu tun, sehr schwer durchzuhalten sei, da Leser Erklärungen fordern. Doch wenn ein Autor all diesen Forderungen nachgeben würde, hätte er keine Zeit etwas Neues zu schaffen. Sobald ein Autor sein Buch aus der Hand gibt, ist er nicht mehr Herr darüber.



Inhalt



1 Hans Magnus Enzensberger: Im Gegenteil. Essays, Szenen, Gedichte. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1981. S. 472. Im folgenden zitiert unter einfacher Seitenangabe.