Der Hessische Landbote

Georg Büchner, Ludwig Weidig: Der Hessische Landbote. Texte, Briefe, Prozessakten. Kommentiert von Hans Magnus Enzensberger. 1. - 5. Tausend. Frankfurt am Main: Insel 1965 (= sammlung insel 3). 170 Seiten.


Umschlag
Der Umschlagentwurf stammt von Willy Fleckhaus; für die Gestaltung des graphischen Elementes im oberen Viertel der vorderen Umschlagseite ist Max Bill verantwortlich. Der vordere Klappentext ist hauptsächlich dem Mitautor und Mitverschwörer Friedrich Ludwig Weidig (1791-1837) gewidmet, eine von der Literaturgeschichtsschreibung vernachlässigte und oftmals vergessene Persönlichkeit. Der hintere Klappentext ist dem Herausgeber Enzensberger selbst gewidmet; seine bis zu dem Zeitpunkt erschienenen Bände Einzelheiten (1962) und Politik und Verbrechen (1964) werden als politische und soziologische Arbeiten angezeigt. Die Enzensbergersche Neuausgabe und Kommentierung der Flugschrift Der Hessische Landbote - unter Einbeziehung der von Friedrich Noellner im Jahre 1844 herausgegebenen Prozessakten - soll ein Bild "von deutscher Art und Kunst" vermitteln.

Die Handschrift Hans Magnus Enzensbergers ist bei dieser Ausgabe des Hessischen Landboten, verfaßt und verbreitet von Georg Büchner und Ludwig Weidig im Jahre 1834, unübersehbar. Den Primärtexten Der Hessische Landbote, erste Ausgabe, Juli 1834 und Der Hessische Landbote, zweite Ausgabe, November 18341 folgen zunächst die Erläuterungen Enzensbergers zu den politischen, ökonomischen und sozialen Zuständen in den Zeiten der absolutistischen Regime in Deutschland – im speziellen im Großherzogtum Hessen – zwischen 1815-1848. Im darauffolgenden Kapitel Chronologischer Bericht legt Enzensberger die Entstehungsgeschichte und das Scheitern der illegalen Flugschrift Der Hessische Landbote dar; die Motivationshintergründe des damals zwanzigjährigen Medizinstudenten Büchner und des dreiundvierzigjährigen Rektors und Pfarrers Weidig zur politischen Agitation werden erhellt und plausibel in den politischen Kontext eingeordnet. Büchner und Weidig gehörten zu der Minorität bürgerlicher Außenseiter, die sich nicht mit den damaligen Zuständen zufrieden gaben und ihre Unzufriedenheiten durch literarische Produktionen kundtaten.2 Weidig war ein christlicher Patriot, der auf eine große Koalition gegen die fürstlichen Machthaber mithilfe von Bauern und Handwerkern zielte und die Idee eines ständischen Einheitsstaates mit volkskaiserlicher Regierung publizierte. Büchner war ein durch und durch aufgeklärter Theoretiker, Materialist und Republikaner, der an einer gewaltsamen Veränderung der Besitzverhältnisse interessiert war; er setzte hoffnungsvoll auf eine Revolution vonseiten der besitzlosen Klassen, denn Büchner sah – und da sind sich Büchner und Enzensberger wohl einig – hinter jeder politischen Frage auch eine soziale. Diese widersprüchlichen Persönlichkeiten und Ansatzpunkte der beiden Verfasser spiegeln sich nicht nur in den Korrekturen und Veränderungen wider, die die Erstfassung Büchners durch Weidigs Redaktion erfuhr (in der Forschung wird heiß diskutiert, welche Textstellen Weidig, welche Büchner zuzuschreiben sind), sondern das Scheitern ihrer „revolutionären“ Vorstellungen ist auch auf die trotz aller Verschiedenheiten beiden gemeinsame Fehleinschätzung der Bauern zurückzuführen: Die „bewußt(seins)losen“, analphabetischen und ungebildeten Bauern übergaben nach Erhalt der Flugblätter diese einfach der Polizei. Das enggewobene Polizeinetz mit seinen vielen Spitzeln führte dann schließlich zu mehreren Festnahmen in flagranti crimine. Weidig, Büchner und die viele Mitglieder der von Büchner gegründeten Darmstädter und Gießener „Gesellschaft der Menschenrechte“ wurden des Hochverrats, der Majestätsbeleidigung und Volksaufwiegelung angeklagt, verfolgt, gefoltert und inhaftiert (Weidig starb höchstwahrscheinlich an physischen und psychischen Folgen der Folterungen, zwei medizinische Gutachten stellt Enzensberger in seiner Ausgabe bereit; Büchner gelang die Flucht nach Straßburg im Jahre 1835, er starb vier Tage vor Weidig in Zürich an einem Nervenfieber).

Die Überschrift „Bericht“ mag bei diesen essayistischen, teilweise spannenden, Darstellungen Enzensbergers im ersten Moment unpassend erscheinen, auch ist sich die Forschung aufgrund mangelnder Dokumente noch über viele Faktoren selten einig. Doch liest man die von Enzensberger zur Verfügung gestellten Briefe, Erinnerungen und Dokumente, den Landboten betreffend und die Actenmäßige Darlegung des wegen Hochverraths eingeleiteten gerichtlichen Verfahrens gegen Pfarrer D. Friedrich Ludwig Weidig, verfaßt von Dr. Friedrich Noellner, dann gewinnt man den Eindruck, daß der Enzensbergersche „Bericht“ nicht nur gut aus den abgedruckten Dokumenten recherchiert und zusammengestellt ist, sondern auch (noch!) keine wertende Stellung bezieht: Er entscheidet weder den Verfasserstreit Büchner-Weidig (bitter äußert er sich aber gegen die Weidig-Ignoranz, denn schließlich hat Weidig seine Autorschaft „mit seiner Freiheit und mit seinem Leben bezahlt. Nur deutschen Akademikern hat es einfallen können, sie zu schmälern“ (S. 52)), noch vernachlässigt er die Darstellungen der zum Teil erschütternden Vorgehensweisen der „verfassungslosen“ Regierung mit einem einzigen funktionierenden Verfassungsamt: der „Polizei, die öffentliche und heimliche, die angeordnete und freiwillige“ (S. 40), die allein für die Erhaltung des Status quo verantwortlich war und im Einverständnis mit der Regierung weder Brutalität noch ministeriale und juristische Verfälschungs- und Verschleierungsmaßnahmen gescheut hat.3 Bestes Beispiel für den präventiv-repressiven Eingriff in das Denken, in die Meinungsfreiheit und Privatsphäre potentiell andersdenkender Bürger sind die „Karlsbader Beschlüsse“; Zensur, Unterdrückung, Verbote und ständige Überwachung standen de jure auf der Tagesordnung. Die zahlreich abgedruckten Briefe Büchners und die diversen Verhörprotokolle der Gerichtsverhandlungen vermögen einen tiefen Einblick in solche Zustände zu geben.

Die Enzensbergersche Wertung kommt im letzten Teil vollends zur Geltung, nämlich in seiner Skizzierung des politischen Kontextes im Jahre 1964, die aufgebaut und zu lesen ist wie das Kapitel Politischer Kontext 1834 im ersten Teil des Buches. Und auch hier geht es um die politischen, ökonomischen und sozialen Zustände und die agierende „Polizei“, die den Status quo in Westdeutschland und allen avancierten Industrieländern Europas zu erhalten, zu stabilisieren und zu sichern hat. Status quo 1964 ist laut Enzensberger: „Vollbeschäftigung, permanente Steigerung von Produktion und Konsum, Verschleierung nicht Abschaffung aller Klassensätze; die Bourgeoisie durch die Assimilation aller anderen Klassen unkenntlich geworden, die Arbeiterbewegung ihr Appendix, die regierungsfähigen politischen Parteien ein einziges Kartell.“ (S. 163) Vielleicht fataler noch: „Die große Masse des Volkes [...] ist zur Opposition nicht mehr bereit. Deshalb hinkt jeder Vergleich mit den Zuständen des deutschen Vormärz“ (S. 163); der Status quo von heute kann es sich leisten, an den Status quo von 1834 zu erinnern, ja, diese Reminiszenzen verleihen gerade „das spezifisch deutsche Lokalkolorit“ (S. 164) – an dieser Stelle färbt sich also das „Bild von deutscher Art und Kunst“ wie es im Klappentext dieses Buch heißt. Wo es bei Büchner in einem Brief vom 5. April 1833 heißt: „Wenn in unserer Zeit etwas helfen soll, so ist es Gewalt. [...] Die deutsche Indifferenz ist wirklich von der Art, daß sie alle Berechnungen zuschanden macht“, kann Enzensberger sich mit letzterem anfreunden, von ersterem distanziert er sich – wie auch schon in seiner Büchner-Preis-Rede, die er am 19. Oktober 1963 in Darmstadt hielt.

Der analytisch-kritische Blick Enzensbergers gilt aber nicht nur dem (damals noch durch die Mauer) geteilten, identitäts- und ideologiezerissenen Deutschland, sondern gerade den sogenannten Entwicklungsländern (eine für Enzensberger geradezu euphemistische Bezeichnung). Die Winkelpolitik von 1834 ist für ihn zur Weltpolitik geworden: „Was der Gießener Student und der Butzbacher Landpfarrer schrieb, geht heute eine Milliarde Menschen an. Was 1964 am Landboten gilt, gilt nicht nur für Hessen, es gilt für den Nahen Osten, den indischen Subkontinent und Südostasien, für große Teile Afrikas und für viele Länder des lateinischen Amerikas.“ (S. 165). In Deutschland ist es nie zu einer Revolution gekommen, in der sich Unterdrückte und Benachteiligte (gewaltsam) gewehrt hätten, und der Hessische Landbote erfährt auch heute nur dann reminszenzengeschwängerte Neuauflagen, wenn es in der deutschen Politik-Landschaft brenzlig wird – darüber unterrichtet die Rezeptionsgeschichte des Hessischen Landboten. Leser mag der Klassiker haben, Adressaten aber nicht, so Enzensberger. Die Bauern Asiens, Afrikas und Lateinamerikas haben durch ihre siegreichen Revolutionen bewiesen, daß sie keineswegs, wie die deutschen, „eine hilflose Klasse bilden“ und „aller historischen Initiative durchaus unfähig sind“ (so analysierte Engels 1847 in seinem Aufsatz Der status quo in Deutschland); die Sicherung des Status quo, die schon 1834 nur „um den Preis dauernder ökonomischer Krisen und unablässiger politischer Repression gelingen“ (S. 39) konnte und heute ebenso stillschweigend von den interessierten Welt-Großmächten unterschrieben und praktiziert wird, ist also noch akut. Nachdenklich und traurig stimmt die Schlußfolgerung Enzensbergers, daß das „Verhältnis zwischen armen und reichen Völkern [...] das einzige revolutionäre Element in der Welt“ (S. 167) sei, welchem nur mit Gewalt zum Durchbruch verholfen werden könne. Oder vielleicht noch bitterer: Wo Büchner die illegale Flugschrift „Der Hessische Landbote“ noch mit der Parole „Friede den Hütten! Krieg den Palästen!“ eröffnen kann, schließt Enzensberger sein Buch mit „Friede den Eigenheimen am Rhein und am Hudson! Krieg den Hütten am Congo und am Mekong! Wer immer auf Büchner sich berufen kann, wir sind es nicht.“ (S. 168)

Shangning Postel
2006

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1Die Drucke der Primärtexte erfolgen nach der Bergemannschen Büchner-Werkausgabe.
2Enzensberger weist korrekterweise darauf hin, daß zum Verfassen von illegalen Schriften nicht nur die Verfasser vonnöten sind, sondern auch die entsprechenden Publikationsapparate: eine Zylinder-Schnelldruckpresse, die gerade damals zu solchen Zwecken eine Waffe war, aber „freundlicherweise“ von Weidig finanziert und zum Druck der Flugschriften zur Verfügung gestellt wurde. Eine oftmals von Büchner-Forschern vergessene Tatsache, was verärgert und für Enzensberger wieder einmal mehr beweist, daß Deutschland keine Ahnung von politischem Widerstand und seinen Bedingungen hat. (S. 52)
3 Die von der Regierung geduldeten und wahrscheinlich auch oftmals initiierten Verfälschungen und Verschleierungen von Akten, Protokollen oder anderen amtlichen Unterlagen haben zur Folge, daß Enzensberger zu einer kritischen Lektüre der Actenmäßigen Darstellung Noellners ermahnt, denn diese Rechtfertigungsschrift ist ein Auftragswerk der Regierung gewesen. Als zweifach hilfreich empfindet Enzensberger den Abdruck dieser Schrift dennoch, denn erstens „war Noellner der einzige, dem die Behörden Einblick in die Akten gaben“, zweitens macht „die politische Justiz in Deutschland, von 1819 bis auf den heutigen Tag, allein durch ihre Selbstdarstellung jede Polemik brotlos“ (S. 171).