Alexander Herzen: Über die Verfinsterung der Geschichte. Zwei Dialoge aus dem 19. Jahrhundert eingerichtet für das Jahr 1984.

Hans Magnus Enzensberger: Alexander Herzen: Über die Verfinsterung der Geschichte. Zwei Dialoge aus dem 19. Jahrhundert eingerichtet für das Jahr 1984. Berlin: Friedenau Presse 1984. 24 Seiten.

Umschlag

Die zwei Dialoge zwischen Alexander Herzen und einem jungen Mann, der nicht namentlich genannt wird, betitelt Vor dem Gewitter und Nach dem Massaker, werden jeweils durch kurze Rahmenerzählungen eingeleitet und abgeschlossen. In einer angehängten Editorischen Notiz bekennt Enzensberger, die Texte von Herzen in politischer Absicht verändert zu haben. Sie seien ursprünglich in den Jahren 1847 und 1848 geschrieben worden und im Jahre 1850 unter dem Titel Vom anderen Ufer in Hamburg erschienen. Herzen wählte seinerzeit für die Publikation das Pseudonym Iskander. Von dem Text gebe es noch eine weitere Fassung, so Enzensberger, die 1858 in Rußland herauskam, jedoch unterscheide sich der vorliegende Druck von beiden Versionen. Herzen wurde 1812 in Moskau geboren und galt als der ‘literarische Anwalt’ russischer Bauern. Er kämpfte gegen die Leibeigenschaft und wurde deshalb für einige Jahre nach Nowgorod verbannt. Mein Leben, erschienen 1867, ist sein bekanntestes Werk. Alexander Herzen starb 1870 in Paris.

Am 12. November 1847 – kurz vor Ausbruch der Februarrevolution – treffen sich Herzen und ein junger Mann. Sie diskutieren über den Sinn des Lebens und über geschichtsphilosophische Themen. Alexander Herzen bemerkt, Evolution und Natur kümmerten sich nicht um philosophische Fragen (S. 9). Seiner Meinung nach müsse nicht alles einen Sinn haben, er glaube an den Zufall (S. 10). Herzen vergleicht die Geschichte mit der Natur, kritisiert den Fortschritt und bezeichnet sowohl die Evolution als auch alles Handeln als vergeblich (S. 10). Veränderungen brächten nichts. Er wirkt zynisch, resigniert und doch erhaben über die Zerstörung, die um ihn herum geschieht. Der junge Mann hingegen gibt sich kämpferisch, will an etwas glauben, will sich empören und hadert mit seiner Machtlosigkeit. Er wirft Herzen vor, dessen Ruhe sei eine unnatürliche (S. 5).

Am 20. November 1848 treffen sich die beiden Protagonisten in Paris erneut und führen ihre Diskussion fort. Der junge Mann ist nun resignierter als zuvor, er will aus Europa auswandern, wenn die Zerstörung weiter fortschreitet, wenn er nichts mehr tun kann, um die Welt zu verbessern. Er beklagt, daß die Februarrevolution zum Stillstand gekommen und alles Aufbegehren umsonst gewesen sei (S. 20). Alexander Herzen hingegen ist über derartige Gefühle erhaben. Er vergleicht die gegenwärtige Situation mit 1807: Zehntausende von Soldaten hätten ihr Leben in der Schlacht von Eylau gelassen – aufgrund eines Mißverständnisses zwischen Alexander I. und Napoleon. Herzen sieht sich als Zuschauer des Weltuntergangs. Der junge Mann meint, dies sei Vergangenheit und habe nichts mit der Februarrevolution zu tun. Somit wird deutlich, daß er noch für eine bessere Welt kämpfen möchte, an das Gute im Menschen glauben will und daß er immer noch der Ansicht ist, Menschen seien in der Lage, aus ihren Fehlern zu lernen.

Ist es möglich, die Wandlungen der Hauptfiguren auf die Wandlung Hans Magnus Enzensbergers selbst zu übertragen? Der junge Mann symbolisierte dann den jungen Enzensberger, der kämpferisch Veränderungen herbeiführen wollte. Herzen übernähme die Position des geläuterten und vom links–intellektuellen Kampf ermüdeten Enzensberger, der sich nur noch zynisch und resigniert über gesellschaftliche Mißstände äußert. Die Texte spiegelten dann auch die persönliche geistige Entwicklung des Herausgebers im Jahre 1984 wider. Seine Intention bei der Neuveröffentlichung faßt Enzensberger selbst im Nachwort so zusammen: „Jede Generation glaubt an die Einzigartigkeit ihrer ‘Sinnkrisen’. Herzens Dialoge zerstören diese Einbildung. Die Niederlagen und Enttäuschungen, deren Zeuge und Opfer er war, sind mit den unsrigen nicht ohne weiteres zu vergleichen. Doch begegnet Herzen ihnen mit einer Haltung, die ihn zu einem Nothelfer von höchster Aktualität macht: mit rücksichtsloser Analyse und mit offensiver Phantasie.“