Gespräche mit Marx und Engels

Hans Magnus Enzensberger (Hg.): Gespräche mit Marx und Engels. Frankfurt am Main: Insel 1973. X, 772 S.


Umschlag
Enzensberger montiert in dieser Zusammenstellung ausgewählte Zeugnisse und Dokumente von Begegnungen mit Karl Marx und Friedrich Engels: "Briefe, Memoiren, Autobiographien [...], Polemiken, Reportagen und Interviews, Spitzelberichte, Polizeiverhöre und Gerichtsprotokolle", vereint unter nur einem Kriterium: daß die Gewährsleute Marx und Engels "persönlich kannten" (S. VI). In seiner vom Januar 1973 datierten Vorbemerkung beruft sich Enzensberger dabei ironisch auf die "Tradition" des philologisch erarbeiteten monumentalen Porträts von "Helden der bürgerlichen Kultur", etwa Biedermanns zehnbändige Sammlung "Gespräche mit Goethe". Die "literaturtheoretischen Implikationen" ihrer Arbeitsweise seien den Philologen damals aber entgangen: "Die zeitgenössischen Zeugnisse ohne zensierende Auswahl vorlegen, ohne negative oder gar defamatorische Äußerungen zu unterschlagen, hieß nämlich die Existenz der Dargestellten in ihrer vollen Widersprüchlichkeit zum Vorschein bringen." (S. V)

Das dürfte der Zweck auch dieses Buches über Marx und Engels gewesen sein. Enzensberger notiert: "Viele der Auseinandersetzungen, welche die großen Gründer [Marx und Engels, H.G.] ihrerzeit mit Anarchisten und Reaktionären, Liberalen und Sozialdemokraten, Konservativen und Ultralinken geführt haben, hören sich an, als wären sie von heute." (S. VII) Der Rede von den marxistischen Klassikern, die sich in den frühen siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts auch in West-Deutschland gerade eingebürgert hatte, hafte ein "Moment von falscher Harmonie" (S. VI) an, dem Enzensberger entgegentreten möchte. Die von ihm versammelten Berichte zeugten vielmehr von einer "Kontinuität der Argumente, die für und wider den Marxismus und seine Verfechter seit über einem Jahrhundert vorgebracht werden". (S. VII) Das ganz aktuelle (und oft geschichtslose) "Für und Wider" der Gegenwart erhält durch die Bemühungen Enzensbergers also gleichsam einen Resonanzraum in der Geschichte der marxistischen Bewegung selbst. Zwar nehmen, was die schiere Zahl der Belegstellen betrifft, natürlich Eleonor, die Tochter, und Jenny, die Frau von Karl Marx, den ersten Rang ein, ihnen folgt aber mit Michail Bakunin sogleich der große Gegenspieler von Marx in der "Internationalen", dessen Zeugnissen Enzensberger, trotz gewisser, auch ermüdender Wiederholungen, breiten Raum gibt. Die Auseinandersetzung der Marxianer (wie Bakunin schreibt) mit dem Anarchismus ist eines der großen Themen der Sammlung, das auch in noch anderen Zeugnissen detailliert dargestellt und vertieft wird.

Enzensberger enthält sich, wo immer möglich, eigener Kommentare, greift nur ein, wenn Sacherläuterungen unabdinglich sind oder fremdsprachige Wendungen übersetzt werden müssen. Allerdings gibt es, wo er es dienlich fand, am Ende eines Zeugnisses oder Dokumentes gelegentliche Hinweise auf (Gegen-)Darstellungen des behandelten Sachverhalts durch Marx oder Engels selbst, mit Angabe von Band- und Seitenzahlen in den seinerzeit allgegenwärtigen blauen Bänden der MEW (Marx/Engels: Werke, hg. vom Institut für Marxismus-Leninismus beim ZK der SED). So konnte der Band auch Anregung sein, die politischen und revolutionstheoretischen Debatten, um die es in vielen Texten dieser Zusammenstellung geht, möglichst vollständig zu rekonstruieren. Enzensberger gab im Anhang außerdem ein recht sorgfältiges Quellenverzeichnis und ein Personenregister (beides benutzbar anstelle des fehlenden Inhaltsverzeichnisses). Zur Unterhaltung der besonderer Art setzte er ein Injurien- und Elogenregister hinzu, das er nach persönlichen Vorlieben - allerdings, wie er behauptet, "ausgewogen" (vgl. S. 709) - aus Briefen von Marx und Engels zusammengestellt hat, in denen nun sie selbst sich über jene Personen äußern, die in Enzensbergers Sammlung über Marx und Engels zu Wort kommen. Zum gefälligen Schluß ein Beispiel:

Bakunin, Michail Aleksandrovic. Sehr verdächtig. Armer Teufel. Ungeheuer. A huge mass of flesh and fat [eine enorme Fleisch- und Fettmasse]. Mannstoll. Eifersüchtig. Hat mir sehr gut gefallen. Besser als früher. Herablassend. Perfekter Ochse. Dumm. Seit Anno Tobak nichts gelernt. Russisch-schlau. Panslawistisches Pack. Will Diktator der europäischen Arbeiter werden. Fett. Verdammter Russe. Frech. Schmeichelei. Krakeel. Spielt sich auf. Intrigant. Kosak. Canaillerie. Vieh. Ehrgeizige eitle Unfähigkeit. Weltbewegende Schrullen. Gospodin. Schlaukopf. Macht sich breit. Gequatsch. Bon vieillard crédule [guter gutgläubiger Alter]. Moskowitisches Kuckucksei. Marktschreier. Großsprecherischer Radikalismus. Scharlatan. Ignoramus. Schamlose Ignoranz und Oberflächlichkeit. Esel. Mohammed ohne Koran. Saltimbanque [Gaukler]. Moskowitischer Diktator. Sehr mittelmäßiger Mensch. Verdammter Moskowiter. Blödsinn. Ohne alles theoretische Wissen. Oberflächlich zusammengeraffter Mischmasch. Zusammengebettelter Quark. Theoretisch Null. Ultraradikale Phrasen. Völlige geistige Misere. Mehr als gemein. Schwindler. Dickkopf. Papst. Persönlicher Ehrgeiz. Dicker Elefant. Braver alter Schurke. Biedermann. Zu jeder Gemeinheit fähig. Escroquerie [Betrügerei]. Lebt nur von der Erpressung. (S. 709-710)

Holger Gehle
2007

Materialien

Weitere Ausgaben

Inhalt