Die Geschichte der Wolken. 99 Meditationen.

Hans Magnus Enzensberger: Die Geschichte der Wolken. 99 Meditationen. Frankfurt am Main: Suhrkamp 2003.

Umschlag

Das Buch macht durch sein äußeres Erscheinungsbild auf sich aufmerksam: Der Buchdeckel ist weiß, und zwischen Titel und Untertitel des Werkes befinden sich schwarze konzentrische Kreise, die nach innen kleiner werden. Der kleinste Kreis ist ausgefüllt von senkrechten Streifen, sodass das Gebilde fast aussieht wie eine Vinyl–Schallplatte. Das Buch ist eine durchsichtige Folie eingeschlagen, auf der sich an der gleichen Stelle wie auf dem Buchdeckel genau das gleiche Kreisgebilde befindet, sodass sich die beiden überlagern. Bewegt sich der Einband, entstehen immer wieder neue Interferenzmuster.

Dieses einfach erzeugte physikalische Phänomen könnte einen Rückschluss auf die Titel gebenden Wolken zulassen, die sich ebenfalls ständig verändern und sich niemals gleichen. Im Buch erfährt man, dass es sich bei der Einbandillustration um eine „Kreis–Struktur–Interferenz“ von Ludwig Wilding handelt, ein vielseitiger Künstler aus der Pfalz, den der Kunstwissenschafter Eugen Gomringer als „einsamen Meister des Illusionismus und der Sehräume, der künstlerisch–wissenschaftlichen Erforschung der Raumillusion“ bezeichnet. Bei genauerer Beschäftigung mit Enzensbergers Werken fällt tatsächlich dessen Vorliebe für die Verbindung (natur)wissenschaftlicher Betrachtungen mit künstlerischer Tätigkeit auf. Auf dem Buchrücken sind die Titel der Gedichte des Bandes aufgelistet. Es fällt dabei auf, dass es nur 88 sind. Die 99 Meditationen, die der Untertitel des Bandes ankündigt, setzen sich aus diesen 88 Gedichten, die den Obertitel des Einzelgedichts Die Geschichte der Wolken einschließen, und den elf folgenden Partien dieses Titelgedichtes zusammen.

Auf der ersten Seite des Buches steht unter dem Untertitel in Kursivschrift ein Zitat aus Andrew Marvell's Werk The Rehearsal Transposed aus dem Jahr 1672: „It is the wisdome of Cats to whet their Claws in meditation of the next Rat they are to encounter.“ (Es ist klug von Katzen, dass sie beim Nachdenken über die nächste Ratte, der sie begegnen werden, ihre Klauen wetzen.). Andrew Marvell (1621–1678) war englischer Poet und gilt als der bedeutendste englische metaphysische Dichter neben John Donne. Sein Pamphlet The Rehearsal Transpos'd ist gegen den damaligen Erzdiakon von Canterbury und späteren Bischof von Oxford, Samuel Parker, gerichtet, seinerseits Verfechter der Diktatur des Klerus über den Staat. Daraus entstand ein regelrechter Krieg der Pamphlete, und Marvells Werk genoss große Beliebtheit im Volk – vom König bis zum Markthändler verfolgten alle mit wachsender Begeisterung Marvells und Parkers Disput, in dem sich Parker dank Marvells literarischer Gewandtheit mehr und mehr zum Narren machte. Marvells Vorzüge waren dessen außerordentliche Geschicklichkeit im Umgang mit Metaphern, Vergleichen, Sprichwörtern, Parodien und sonstigen Stilmitteln, die Parkers Argumente schlagfertig außer Kraft setzten. Nicht auszuschließen ist, dass Enzensberger mit dem Motto auf eine bestimmte Wahlverwandtschaft hinweisen wollte.

Der Gedichtband ist in sechs Kapitel eingeteilt. Das sechste Kapitel besteht aus dem 12–stophigen Gedicht Die Geschichte der Wolken, das dem Werk seinen Titel gab. Von der Kritik wird dieser Gedichtzyklus als der Höhepunkt des Buches bezeichnet. Häufig werden Parallelen zu Brentanos aber auch Brechts Dichtung gesehen. Die Themen von Enzensbergers Gedichten sind breit gefächert: Globalisierung, Kritik am Sittenverfall, Theologie, Gesellschaftskritik und Generationskonflikte. Hubert Spiegel charakterisiert diese Gedichte in seiner Rezension in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (vom 16.08.2003) so: „Die Beschränkung auf den Augenblick, der Genuß des Flüchtigen, die Wonnen des Gewöhnlichen, die Konzentration auf das scheinbar Überflüssige – Reduktion heißt das Programm.“



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