Die Gerechten

Albert Camus: Die Gerechten. Stuttgart: Belser 1976. (= Programmbuch 18).

Umschlag
Das 143 Seiten umfassende Werk von Albert Camus wurde 1976 vom Württembergischen Staatstheater Stuttgart herausgegeben und enthält ein Nachwort von Hans Magnus Enzensberger. Unter dem Titel „Die Träumer des Absoluten“ liefert Enzensberger einen neunseitigen Beitrag, der sich wie eine Geschichte des Terrors liest, ohne an Aktualität eingebüßt zu haben. Enzensberger befasst sich zunächst mit dem individuellen Terror, der in der Überzeugung verwurzelt ist, „Geschichte werde von Kaisern, Königen und Präsidenten gemacht; eine Überzeugung, die nur von Kaisern, Königen und Präsidenten geteilt wird. Kein Bombenwerfer kann die großen und anonymen gesellschaftlichen Kräfte verändern: das technische und industrielle Potential, den Aggregatzustand der Klassen, die Besitzverhältnisse und den administrativen Apparat. Aus diesen Gründen hat kein Attentäter moderner Zeiten Epoche gemacht“ (S. 135). Dennoch machte dieses Werk von Anfängern einen ungeheuren Eindruck: „auch in Theatern, Luxus-Restaurants und Börsensälen, in Klubs und Parlamenten explodierten die Bomben der namenlosen Schreckensmänner, die entschlossen waren, auf eigene Faust gegen die Großmächte ihrer Zeit loszugehen“ (S. 137).

Enzensberger wertet die zweite Terrorismuswelle im Russland des 20. Jahrhunderts als revolutionären, befreienden Akt. Er zeichnet dialogisch das moralische Dilemma nach, in dem sich Kaljajew befindet, der das Attentat auf Sergej eigentlich verüben will, dann aber auch Sergejs Frau und Kinder im Wagen sieht.

Dennoch: „Der Großfürst Sergej ist seinen Verfolgern nicht entgangen“ (S. 141), hebt Enzensberger schließlich in seinem Nachwort visuell hervor. Zuletzt resümiert er in Rückgriff auf den Titel seines Nachwortes die politischen Entwicklungen: „Das Beispiel Kaljajews wird eine jede künftige Herrschaft bedrohen, die sich auf die Leiden der Beherrschten gründet. Fünfzig Jahre, bevor er das Schafott betrat, hat Marx, der tiefer sah als seine Nachfolger, ein Wort geprägt […]: er nannte alle Verschwörer von seinem Schlag ‚die Träumer des Absoluten’. Ein solcher Träumer, ein Unbekannter in der Menge ist genug, um alle Machthaber dieser Erde in Schrecken zu versetzen“ (S. 143).

Christina Keimes
2006

Materialien