Geisterstimmen

Hans Magnus Enzensberger: Geisterstimmen. Übersetzungen und Imitationen. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1999.

Enzensbergers Geisterstimmen erschienen 1999 anlässlich seines 70. Geburtstages. Das Werk hat zwei Teile, die Übersetzungen und die sogenannten Imitationen. Die Übersetzungen aus einem guten Dutzend Sprachen machen die ersten 300 Seiten des Buches aus. Einige Originalgedichte stammen aus der Zeit des vorkolumbianischen Amerika, andere aus der jüngsten Gegenwart; der Schwerpunkt aber liegt auf den Texten der großen Dichter der Moderne. Nach eigener Aussage hat Enzensbergers Leidenschaft, die Gedichte anderer zu übersetzen, wenig gemein mit „der Knochenarbeit derer, die ihr Brot damit verdienen". Statt dessen sieht er sich wie Gryphius und Hofmannswaldau, Goethe und Hölderlin, Mörike und Rückert, Rilke und George, Eich, Nelly Sachs und Celan, deren eigenes lyrisches Handwerk seiner Meinung nach gerade durch das Übersetzen anderer Autoren geprägt wurde.

Der zweite Teil, die Imitationen, ist wesentlich kürzer und umfasst etwa 60 Seiten. Er zeigt auf, dass Enzensberger die ganze Bandbreite des lyrischen Repertoires zu nutzen weiß. Als Beispiel hierfür seien seine Interpretationen von Bertolt Brechts Gedicht Der Radwechsel genannt, das 1953 in den Buckower Elegien erschien. Enzensberger „imitiert“ Brechts Gedicht in sieben unterschiedlichen Gedichtformen, von der Alkäischen Ode über das Distichon bis hin zum Alexandriner-Sonett. Dieser Abschnitt stammt allerdings aus dem 1985 unter dem Pseudonym Andreas Thalmayr veröffentlichten Sammelwerk Das Wasserzeichen der Poesie, wie auch viele andere Texte in Geisterstimmen bereits zuvor an einem anderen Ort veröffentlicht worden waren. Da die Gedichte aus den letzten 40 Jahren von Enzensbegers Schreiben stammen, sprachen viele Rezensenten über die Sammlung als eine Art Selbstportrait. Enzensberger selbst schrieb im Nachwort des Bandes: „Fast alles, was ich über Gedichte weiß, verdanke ich meinen Vorgängern und Mitstreitern, und so ist dieses Buch aus vierzig Jahren auch eine Art, ihnen zu danken.“1




1Hans Magnus Enzensberger: Geisterstimmen. Übersetzungen und Imitationen. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1999.