Gedichte 1950-2005

Hans Magnus Enzensberger: Gedichte 1950-2005. Frankfurt am Main: Suhrkamp 2006 (= suhrkamp taschenbuch, 3823). 254 Seiten.

Umschlag
Fünf Jahre nach dem Erscheinen seiner Anthologie Gedichte 1950-2000 kündigt sich Enzensberger im Jahre 2006 mit lässig dirigierendem Gestus an – den Renate Brandt für das Foto auf dem Umschlag festgehalten hat. Enzensberger, der "Archäologe unserer Kulturgeschichte" (Martin Lüdke; zitiert nach der Vorbemerkung des Verlages), hat wieder in seinen poetischen Ergüssen aus mehr als fünf Jahrzehnten Dichterdasein gegraben. Das "Ergebnis" ist weder Aufsehen erregend noch gänzlich neuartig: Ausgewählt wurden von ihm Gedichte aus den Bänden Verteidigung der Wölfe (1957), Landessprache (1960), Blindenschrift (1964), Gedichte 19551970 (1971), Mausoleum. Siebenunddreißig Balladen aus der Geschichte des Fortschritts (1975), Der Untergang der Titanic. Eine Komödie (1978), Die Furie des Verschwindens (1980), Die Gedichte (1983), Zukunftsmusik (1991), Kiosk. Neue Gedichte (1995), Leichter als Luft. Moralische Gedichte (1999) und Geschichte der Wolken. 99 Meditationen (2003). Die Abweichungen zu seinen letzten beiden Gedichtanthologien (von 1996 und 2001) sind minimal: Die Auswahl der Gedichte bleibt identisch bis auf einige wenige Auslassungen und Ergänzungen. Gänzlich neu hinzugekommen ist natürlich die Auswahl aus dem Gedichtband von 2003, außerdem zählt man vier Erstdrucke: "Haar", "Leviathan", "Wo sich Pilatus die Hände wusch" und "Rätsel". Auch die Komposition der Anthologie hat sich gehalten, weder die Copyrightangaben noch das Alphabetische Verzeichnis der Gedichttitel muß man vermissen.
In der Vorbemerkung des Verlages und auf der Umschlagrückseite findet sich die Stimme der Züricher Zeitung: "Wir wüßten keinen, mit dem wir uns lieber einen Reim auf diese Welt machen würden". Norbert Bolz fragt sich außerdem: "Welchen anderen Kandidaten hätten wir in Deutschland aufzuweisen für die seit Nietzsche freie Stelle des freien Geistes?" (zitiert nach der Vorbemerkung des Verlages). Hans Magnus Enzensberger ist wohl genau dieser Kandidat: Die Wölfe gegen die Lämmer verteidigend, in seiner Landessprache schreibend, zeitweise mit Schaum vorm Mund, von Scheiße und der Macht der Gewohnheit redend, in die Handelskorrespondenz einführend, besingt er die Ruhe auf der Flucht, die innere Sicherheit und hier und da Erkenntnistheoretisches – sicherlich nicht immer ein Wunschkonzert. Im Andenken an den Angestellten und an die Dreiunddreißigjährige tanzt er den Finnischen Tango mit den Chinesischen Akrobaten zum Ewigen Frieden, zum Neuen Menschen; optimistische Liedchen, leichter als Luft mag man meinen, doch es sind weder leisere Töne noch Unterlassungssünden, sie sind ein Andenken an den prägnanten Moment, an das Schattenreich, an die alte Heimat, die alte Revolution, ein wenig Wortbildungslehre für alle Fernsprechteilnehmer, ein Minimalprogramm zur Motivationsforschung, mal in Form eines Küchenzettels, eines Notizbuches, einer Bibliographie oder einer Poetik-Vorlesung, wobei Nichtzutreffendes einfach gnadenlos gestrichen, als Verlustanzeige gemeldet wird oder in einer profanen Offenbarung mündet. Manchmal erlaubt sich Enzensberger auch ein Rätsel, denn mit einem solchen schließt er (S. 238):

Ein Meer größer als das Meer,
und du siehst es nicht.

Ein Meer, in dem du schwimmst,
und du spürst es nicht.

Ein Meer, das in deiner Brust rauscht,
und du hörst es nicht.

Ein Meer, in dem du badest,
und du wirst nicht naß.

Ein Meer, aus dem du trinkst,
und du merkst es nicht.

Ein Meer, in dem du lebst,
bis du begraben wirst.

Shangning Postel
2006

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