Gedichte 1950–2000

Hans Magnus Enzensberger: Gedichte 1950–2000. Frankfurt am Main: Suhrkamp 2001.

Umschlag

Hans Magnus Enzensbergers Taschenbuch Gedichte 1950–2000 versammelt eine vom Autor getroffene Auswahl seiner Gedichte aus den Bänden verteidigung der wölfe (1957), landessprache (1960), blindenschrift (1964), Gedichte 1955–1970 (1971), Mausoleum. Siebenunddreißig Balladen aus der Geschichte des Fortschritts (1975), Der Untergang der Titanic. Eine Komödie (1978), Die Furie des Verschwindens (1980), Gedichte (1983), Zukunftsmusik (1991), Kiosk (1995), Leichter als Luft. Moralische Gedichte (1999) und bereichert dieselbe durch den Erstdruck des Gedichts Unterlassungssünden. Im Klappentext des Buches wird der Band als Aktualisierung seiner 1971, 1985 und 1996 erschienenen Lyrikauswahlbände bezeichnet. Copyrightangaben (Seite 161–164) und ein Alphabethisches Verzeichnis der Gedichttitel sowie ein Inhaltsverzeichnis (Seite 165–171) runden den Band ab. Auf der Vorderseite des Buches ist ein Foto von Hans Magnus Enzensberger, auf dem er schelmisch lacht und wie zur Belehrung den Finger hebt. Auf der Rückseite befindet sich ein Auszug aus einer Rezension der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Dem Buch liegt als einem von acht Büchern der Suhrkamp–Reihe Ich hörte sagen eine Mini–CD mit der Stimme des Dichters bei. Auf ihr Vorhandensein wird auf der Vorderseite des Buches durch eine Einprägung aufmerksam gemacht, die der Größe der CD exakt entspricht und derart plaziert ist, daß sie den Kopf des Dichters wie ein Heiligenschein umgibt.

Die Auswahl der Gedichte macht den Leser mit der Vielfalt des Enzensbergerschen Werks bekannt. Von den großen politischen Gedichten wie Landessprache und Schaum über die poetischen und erkenntnistheoretischen Positionsbestimmungen wie Abgelegnes Haus, Hommage à Gödel und Giovanni de' Dondi (1318–1389) bis hin zu den späten eskapistischen Provokationen Der fliegende Robert, Minimalprogramm und Leichter als Luft ist alles in diesem Band enthalten. Der umtriebige Dichter präsentiert sich einmal mehr als origineller und scharfzüngiger Denker. In seinem Gedicht Unterlassungssünden etwa, das er auch in den 2003 erschienenen Band Die Geschichte der Wolken. 99 Meditationen aufgenommen hat, läßt er ein lyrische Ich um Entschuldigung für seine zahlreichen Versäumnisse bitten: „Vergessen zu beichten, / davor zurückgeschreckt, / die Welt zu verbessern, / nie rechtzeitig ein– und ausgestiegen, / versäumt, drei mal täglich / meine Pillen zu nehmen.“1 Was nämlich so kokett und indifferent daherkommt, entpuppt sich, sobald man die Verse paarweise liest, als Aufforderung zum selbstbewußten Handeln: „Wenn ihr könnt, verzeiht mir. // Oder ihr laßt es bleiben.“ (S. 60) Wer also noch daran zweifelte, daß Hans Magnus Enzensberger nicht nur zu den wendigsten, sondern auch zu den geistreichsten deutschen Gegenwartslyrikern gehört, der darf sich von diesem Band davon überzeugen lassen, und zwar wahlweise auch akustisch. Zu erwähnen bleibt schließlich nur mehr, daß die konsequente Kleinschreibung, derer sich Enzensberger in seinen ersten drei Gedichtbänden bediente, wie in den vorangegangenen Auswahlbänden rückgängig gemacht worden ist.



Inhalt



1Hans Magnus Enzensberger: Gedichte 1950–2000. Frankfurt am Main: Suhrkamp 2001. S. 160. Im Folgenden zitiert unter einfacher Seitenangabe.