Carlo Emilio Gadda: Die Erkenntnis des Schmerzes

Carlo Emilio Gadda: Die Erkenntnis des Schmerzes. Roman. Aus dem Italienischen von Toni Kienlechner. Mit einem Nachwort von Hans Magnus Enzensberger. München: R. Piper 1963. 249 S.

Titelseite
Der Titel findet sich unter den Herausgeberschaften Enzensbergers bibliographiert, obwohl dem Buch eine solche nicht eindeutig zu entnehmen ist. Einzig das Nachwort weist darauf hin. Enzensberger charakterisiert darin die Eigenart und die Methoden des Schriftstellers Gadda auf eine so virtuose und engagierte Weise, daß nicht auszuschließen ist, der Nachwortschreiber könnte sich für seinen kurzen Text (S. 241-249 in der Erstausgabe) einen Verlag gesucht haben, der den 1963 auch gerade erst in Italien erschienenen Roman gleichsam als Vorbau mitzuveröffentlichen bereit war.

Deutlich erkennbar ist der philologische Ernst, der in die Ausgabe investiert wurde: Enzensberger zitiert sowohl aus der in der deutschen Erstausgabe nicht mitübersetzten Romanvorrede Gaddas, als auch aus der in Ausschnitten von der Turiner Zeitschrift "Menabò" 1963 veröffentlichten Fortsetzung des Romans, jeweils mit exakter Quellenangabe.

Das Porträt des Artisten Gadda, welches der Zweck des Nachworts ist, hat im wesentlichen folgende Züge: Gadda, politisch eigentlich bürgerlich konservativ, zerstört, indem er es schreibend aufdeckt, all das, worin er wurzelt, was ihm am liebsten war. Er eröffnet sozusagen, von pathologischem Interesse getrieben, den Blick auf die Eingeweide der bürgerlichen Schicht, der er selbst entstammt; ein so Enzensberger, zerstörerisches, ja mörderisches Verfahren, welches das Verdeckte, das Unterste zuoberst kehrt, den Lesern in zum Teil schockierenden Wendsungen und Bildern vorzeigt. In Gaddas Sprache gingen "Gelehrsamkeit und Originalität, subtile Kenntnis der Tradition und Zerstörungslust (...) eine seltsame Ehe ein" (244), seiner ganzen literarischen Arbeit eigne etwas Labyrinthisches, sie sei wie ein unterirdischer Bau "von Gedanken- und Sprachgängen, von semantischen und metaphorischen Systemen, die ihr Urheber zugleich vorweist und kaschiert."(242) Gadda sei offenbar von der Unvollendbarkeit jeder künstlerischen Arbeit tief überzeugt, arbeite eigentlich zeit seines Lebens nur an einem einzigen großen Werk, dessen Manifestationen er im übrigen in (zumeist unveröffentlichten) Nebenversionen, Anmerkungen, Glossen und Schlüssen permanent und geradezu erbittert kritisiere: er sei ein "Maniak der Fassungen, der Entwürfe, der Kommentare und Noten." (Ebd.) Der Zusammenhang seines "Systems" von "gesprochenen und geschriebenen, lebendigen und toten, heimischen und fremden; von Argot-, Jargon- und Klassensprachen, (...) von Epi-, Para- und Metasprachen" (244/45) sei auch nicht immer leicht erweislich. Von dem was man gemeinhin Realismus nenne, sei der Romancier Gadda also weit entfernt, vielmehr, auch im Humoristischen seiner Prosa, ein legitimer Nachfolger Jean Pauls. Er sei am ehesten der Figur des antiken Wahrsagers zu vergleichen, der aus den Eingeweiden der Opfer das Geschick der Welt zu lesen vermochte.

Holger Gehle
2006

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