Die Furie des Verschwindens

Hans Magnus Enzensberger: Die Furie des Verschwindens. Gedichte. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1980. 86 Seiten. (edition suhrkamp, 1066 N.F. 66)

Umschlag

„An den Anfang hat der Autor, unter dem Titel Tränen der Dankbarkeit, eine Reihe von Idyllen gestellt. Hier sind Momentaufnahmen aus den siebziger Jahren zu besichtigen, Berichte aus dem Inneren des Landes und seiner Bewohner. Ihr Ton ist ratlos, heiter, kurz angebunden, zuweilen sarkastisch; Rechthaberei ist ihnen fremd. Das letzte Kapitel des Bandes dagegen – Die Furie des Verschwindens – besteht aus Wach– und Schlafträumen, Meditationen und Geisterbildern, die sich einer thematischen Festlegung entziehen. In der Mitte des Buches steht ein langer Psalm, Die Frösche von Bikini. Dieses Gedicht bildet das Rückgrat der Sammlung. Man kann es als den Versuch einer Abrechnung lesen. Der Text ist unruhig, brüchig, voller Abweichungen. Rücksicht auf das literarisch und ideologisch Abgemachte wird ebensowenig genommen wie auf das schreibende Ich. Heftige Gefühle und ausschweifende Gedanken – aber die Vermittlung zwischen Geschichte, Natur und Subjekt kann nicht mehr gelingen. Vielleicht ist mit solchen Auskünften schon zuviel gesagt. Um das Gedicht zu verstehen, braucht niemand seine theoretischen Implikationen zu entziffern; ebensowenig wie der Leser zu wissen braucht, was eine Furie ist; nämlich, mit den Worten eines verstaubten Buches, „ein rächender Geist der schon bei den ältesten Dichtern vorkommt, und der bald in unbestimmter Mehrheit, bald in der Einzahl erscheint. Die Furien rächen und strafen den Meineid, den Mord, die Vergewaltigung der Natur und tragen überhaupt dafür Sorge, daß Niemand seine Grenzen überschreite; sie gehen zu Werke indem sie den Sinn des Schuldigen verwirren; übrigens gehören sie der Unterwelt an, womit auch die Fortdauer ihrer Rache nach dem Tode zusammenhängt“.“ (Buchanzeige, S. 2)

Der Ausdruck ‘Furie des Verschwindens’ stammt ursprünglich aus Hegels Phänomenologie des Geistes und bezeichnet das problematische Verhältnis zwischen allgemeiner Freiheit und historischem Handeln: „Kein positives Werk noch Tat kann also die allgemeine Freiheit hervorbringen; es bleibt ihr nur das negative Tun; sie ist nur die Furie des Verschwindens“ (Phänomenologie des Geistes, Kap. VI B III: Die absolute Freiheit und der Schrecken). Im letzten Gedicht des Bandes wird dieser Gedanke Hegels aufgegriffen. Der Furie fällt dort an Historischem zu, „was zunächst unmerklich, / dann schnell, rasend schnell fällt [...]; sie allein bleibt, ruhig, / die Furie des Verschwindens.“ (S. 86)



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