Freisprüche

Freisprüche: Revolutionäre vor Gericht. Herausgegeben von Hans Magnus Enzensberger. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1970. 460 Seiten.

Buchumschlag der Erstausgabe
Im Band Freisprüche: Revolutionäre vor Gericht versammelt Hans Magnus Enzensberger Quellen und Dokumente zu insgesamt 24 Gerichtsprozessen gegen berühmte Revolutionäre, die er nach individueller Maßgabe so montiert hat, daß der Hergang der historischen Gerichtsverhandlungen nachvollziehbar wird. Zur quellenkritischen Absicherung dieser Vorgehensweise und zur historischen Bewertung der jeweils dargestellten Vorgänge hat er jeder seiner Montagen Biographische Angaben, Kommentare und Quellen- und Literaturhinweise beigegeben. In einigen Fällen hat er zudem Anmerkungen verfaßt, in denen er dem Leser fehlende geschichtliche Hintergründe nachreicht. In seiner Nachbemerkung diskutiert Enzensberger die Frage, ob revolutionäre Umtriebe ihrer Natur nach überhaupt justiziabel seien, und kommt dabei zu dem Schluß, daß dies im herkömmlichen Sinne nicht der Fall ist. Denn anders als der Kriminelle, der das Recht, gegen das er verstoße, implizit anerkenne, gehe der Revolutionär, der versuche, den "Apparat der Repression über den Haufen zu werfen" (451), von dem Postulat der Unrechtmäßigkeit des herrschenden Rechts und dem der Rechtmäßigkeit seines Aufbegehrens aus. Woraus wohl gefolgert werden müsse: "Nicht die Revolution, nur ihr Scheitern kann vor Gericht stehen." Ob Revolutionäre also im Recht oder im Unrecht seien, könne kein Gericht, sondern allenfalls die Geschichte erweisen. Und dies auch nur in politischer Hinsicht, denn moralische Urteile seien von der Geschichte kaum zu erwarten.

Die Bedeutung des von ihm zusammengetragenen Bandes sieht Enzensberger angesichts solch prekärer Verhältnisse denn auch nicht in der Darstellung juristischer Details, nicht in der Beurteilung von Recht oder Unrecht der vorgestellten Revolutionäre, sondern in der Darstellung des unverlierbar Politischen aller revolutionären Bewegungen. Er schreibt: "Worauf es ankommt, das ist die politische Seite; und auf ein politisches Lesebuch, in dem sich alle Möglichkeiten des revolutionären Kampfes abbilden, hat es diese Auswahl abgesehen. Sie soll nicht irgendeine korrekte, mustergültige, abstrakte Revolutionstheorie abbilden und belegen, sondern im Gegenteil die konkrete historische Vielfalt dieses Kampfes anzeigen." (457) Die Gerichtsreden, die er zu zusammengetragen hat, seien deshalb besonders geeignet gewesen, diesem Zweck zu dienen, weil er in ihnen stets einen Rest jener allgemeinen Redefreiheit wiedergefunden habe, die zweifellos die Grundvoraussetzung jeder politischen Debatte sei: "Die Möglichkeit, solche Reden zu halten, setzt ein Minimum von gegenseitiger Anerkennung voraus; ein †bereinkommen wenigstens in dem einen Punkt, daß die Freiheit zu reden besteht, und daß sie sinnvoll genutzt werden kann; einen Rest von Aura: das Tribunal als Tribüne ist nur denkbar, solange das Gericht als Ort angesehen wird, an dem große gesellschaftliche Fragen zwar nicht entschieden, aber doch feierlich umstritten werden können." (458). Und in Hinsicht auf diesen unverlorenen Rest an Redefreiheit scheint Enzensberger den Titel des Bandes sorgsam ausgewählt zu haben.

Hans Kruschwitz
2006

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