Das digitale Evangelium. Propheten, Nutznießer, Verächter.

Hans Magnus Enzensberger: Das digitale Evangelium. Propheten, Nutznießer, Verächter. Erfurt: Stutton Verlag 2000.

Umschlag

Den Essay Das digitale Evangelium hat Hans Magnus Enzensberger zur Eröffnung der Christoph–Martin–Wieland–Vorlesungen an der Erfurter Universität vorgetragen. Zunächst erschien er, so das Vorwort, im Spiegel. Die vorliegende Ausgabe ergänzt den Text um eine anschließende Disputation.

Enzensberger erörtert in dem Essay die Folgen des sich rasch entwickelnden Internets, geht dabei aber auch auf die Entwicklung des Fernsehens und des Rundfunks ein. Prinzipiell unterscheidet er zwischen Evangelisten und Apokalyptikern, wie es sie begleitend zur Entwicklung der modernen Medien immer gegeben habe. Apokalyptiker übten dabei stets Kulturkritik: gegen die Entwicklung des Internets oft noch immer mit den gleichen Argumenten, die schon gegen das Aufkommen des Romans im 18. Jahrhundert ins Feld geführt wurden. Die Evangelisten hingegen blendeten beim Verkünden einer neuen frohen Botschaft Gefahren oder Fehler grundsätzlich aus. Ihr Denken sei gegen Fehlschläge jeglicher Art immun.

Enzensberger geht dann auf die Geschichte der neuen Medien ein. Technische Medien gingen ihrer Praxis ebenso voraus wie ihrer Theorie, was zumeist darin begründet sei, dass ihre Erfinder ihren Nutzen oftmals verkannten. Das Internet wurde zunächst vom amerikanischen Militär zum schnellen Übermitteln von geheimen Informationen genutzt, bevor es zum zivilen Gebrauch freigegeben wurde und letztlich den Markt für Konsumgüter und Dienstleistungen vergrößerte. Der Nutzen des Internets sei jedoch bis heute ebenso wenig vollständig erkannt wie seine Nachteile. Für einen Laien sei es auch nicht mehr möglich, den vollen Nutzen aus den immer komplexeren Geräten zu ziehen und ihn zu beurteilen. Der Schaden des Internets ergebe sich vor allem aus der Informationsflut, welcher der Nutzer ausgesetzt sei. Das lasse sich gut an der Entwicklung neuer Lexika zeigen, deren viel beworbene Aktualität gerade äquivalent zu ihrem abnehmenden Nutzen sei. Des weiteren sei die Veröffentlichung persönlicher Gedanken im Internet inzwischen zu einem elektronischen Menschenrecht geworden, was große Mengen an uninteressantem Datenmüll produziere.

Schon zu Beginn des Essays führt Enzensberger den Begriff des „digitalen Kapitalismus“ (S. 11) ein. Dieser sei eine der größten Gefahrenquellen des Internets. Aus ihm gingen vier Klassen von Nutzern hervor: die Chamäleons, die Igel, die Biber und die, die nicht in das System der digitalen Welt passen. Denen, die sich anpassen (Chamäleons), und denen, die auf stur schalten oder sich verkriechen (Igel), seien die größten Überlebenschancen einzuräumen. Freilich sei das ‘Überleben’ in der digitalen Welt vorerst noch weit weniger wichtig als jenes in der realen.

Die anschließend dokumentierte Diskussion über Enzensbergers Essay moderierte Peter Glotz, der auch schon die Vorrede zu Enzensbergers Vortrag gehalten hatte. Zu Wort kamen José Encarnacao, Michael Giesecke, Jo Groebel, Jochen Hörisch und Wolfgang Langenbucher. Nachdem jeder der Diskussionsteilnehmer einen kurzen allgemeinen Kommentar abgegeben hatte, leitete Peter Glotz mit kurzen Fragen und Überleitungen eine angeregte Diskussion ein, bei der Hans Magnus Enzensberger aber weniger seine Thesen verteidigte, als versuchte, neue und weitere Perspektiven zu entwerfen.