Esterhazy. Eine Hasengeschichte

Irene Dische, Hans Magnus Enzensberger, Michael Sowa: Esterhazy. Eine Hasengeschichte Aarau, Frankfurt am Main und Salzburg: Sauerländer 1993.

Umschlag

Das von Irene Dische und Hans Magnus Enzensberger geschriebene und von Michael Sowa illustrierte Kinderbuch Esterhazy. Eine Hasengeschichte ist 1993 im Sauerländer Verlag in Aarau, Frankfurt am Main und Salzburg erschienen. Der vordere Einbanddeckel des Buchs zeigt eine Straßenszene mit dem Helden der Hasengeschichte. Der hintere Einbanddeckel zeigt Fotos von den drei Autoren und enthält neben knappen Angaben zu deren Biographie die folgende kurze Inhaltsbeschreibung: „Die Familie Esterhazy ist nicht nur besonders zahlreich, sondern auch sehr kleinwüchsig. Zu klein, wie Fürst Esterhazy feststellt, als sein jüngster Enkel in einen Papierkorb fällt und nicht mehr herauskommt. Also schickt er alle seine Enkel in die weite Welt, um sich Frauen zu suchen – ‘je größer, desto besser’ – und Familien zu gründen.“

Irene Dische, Hans Magnus Enzensberger und Michael Sowa begleiten den jüngsten Esterhazy auf der Reise nach Berlin und durch die Wirrnisse des jungen Hasenlebens in dieser fremden Stadt. Kaum verliebt, wird er der schönen, großen Häsin Mimi gleich wieder entrissen. Und es vergehen viele Wochen – gute und schlechte, turbulente und geruhsame mit Abendzeitung, Sachertorte und Apfelkuchen. Seine Gedanken aber gehören Mimi und einer Mauer, hinter der es viele Hasen geben soll. Irene Dische, Hans Magnus Enzensberger und Michael Sowa ist mit diesem Buch etwas ganz Besonderes gelungen: eine spannende und humorvolle Geschichte, ein aufregendes Bilderbuch und eine doppelbödige Erzählung, bei der auch die vorlesenden Erwachsen garantiert nicht zu kurz kommen werden.“ 2002 ist Esterhazy. Eine Hasengeschichte im Sauerländer Verlag auch als Miniausgabe, aber ungekürzt erschienen. Bereits 1995 wurde das Buch von PolyGram als Hörbuch herausgegeben.

Die Geschichte des Hasen Esterhazy, der von seinem Großvater ausgeschickt wird, um eine besonders große Frau zu finden und der bedrohlichen, von unmäßigem Schokoladenkonsum begünstigten Kleinwüchsigkeit der Familie entgegenzuarbeiten, ist ausgesprochen hintergründig. Bemerkenswert ist nicht nur die lautliche Verwandtschaft der Worte ‘Esterhazy’ und ‘Osterhase’, sondern auch, daß Esterhazy aus ‘Österreich’ stammt und ausgerechnet in ‘Ost–Berlin’ seine Lebensgefährtin findet. Die Berliner Mauer, die ihm von seinem Großvater empfohlen wird, um dort nach großen Häsinnen zu suchen, figuriert in diesem Szenario als Scheidewand zwischen einer Welt trügerischen Friedens und einer Welt untrüglicher Grobheit. Der hochadlige Esterhazy, dessen Kleinheit scharf mit der Länge seines Titels kontrastiert, wird im Westteil der Stadt schlecht behandelt. Ein Aufseher des Bahnhofs Zoo verweist ihn des Platzes, ein niederträchtiger Kleintierhändler lockt ihn in eine Falle und verkauft ihn an einen Kunden, ein Kind, das ihn zum Geburtstag erhält, versucht, ihn in der Badewanne zu ersäufen, und der Bedienstete eines Restaurants droht ihm sogar mit der Schlachtung. Nur im Versteck eines Lieferwagens, dessen Besitzer hauptsächlich Kuchen transportiert, und in einer Hasenhöhle auf der Ostseite der Berliner Mauer findet Esterhazy Geborgenheit: „Die Soldaten waren extra dazu da, um auf sie aufzupassen, damit sie kein Auto überfahren konnte. Wenn sie ein Butterbrot übrig hatten, warfen sie es den Hasen hin, und manchmal hatten sie auch ein paar Karotten. Natürlich war die Küche nicht so gut wie in Wien, (...) aber dafür hatte man hier seine Ruhe.“1 Als die Berliner Mauer fällt, hält Esterhazy um die Pfote seiner Häsin an. Die Geschichte endet mit einem Brief, den das Paar aufgibt, um die Geburt seiner Kinder bekanntzumachen: „Die Taufe findet im engsten Familienkreis am Waldrand statt. Von Schokoladenspenden bitten wir abzusehen.“ (S. 27) Nicht zuletzt ist Esterhazy. Eine Hasengeschichte also ein Aufruf zum Ausgang aus der selbstverschuldeten Kuchenesserei.



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