Die Elixiere der Wissenschaft. Seitenblicke in Poesie und Prosa.

Hans Magnus Enzensberger: Die Elixiere der Wissenschaft. Seitenblicke in Poesie und Prosa. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag 2002.

Umschlag

Die Elixiere der Wissenschaft ist 2002 im Suhrkamp Verlag als in blaues Leinen gebundene Ausgabe mit Schutzumschlag erschienen. Es handelt sich um eine Sammlung von insgesamt 66 Texten Enzensbergers, in sieben Kapitel eingeteilt, denen alle ein Grundthema gemein ist: die Wissenschaft. Eingeleitet wird die Anthologie von einem Zitat des russischen Autors Vladimir Nabokov, welches bereits den Tenor des Werkes angibt: „There is no science without fancy and no art without facts“.

Ein großer Teil der Texte wurde bereits an anderer Stelle veröffentlicht. So finden sich in dem Buch vornehmlich Gedichte aus den Bänden blindenschrift, landessprache, Mausoleum, Der Untergang der Titanic, Die Gedichte, Der fliegende Robert, Zukunftsmusik, Kiosk, Zickzack und Leichter als Luft.

Dreizehn Texte wurden aus den Manuskripten des Autors gedruckt. Neben einigen weiteren Gedichten fallen dort vor allem acht Essays auf. Einige von ihnen sind an anderer Stelle aber bereits in gedruckter Form erhältlich gewesen, beispielsweise Zugbrücke außer Betrieb und Das digitale Evangelium, andere sind Erstveröffentlichungen. Trotz des gemeinsamen Oberthemas ist die Bandbreite der Inhalte beträchtlich. So beschäftigt sich Enzensberger mit sehr aktuellen Themen, wenn er etwa die modernen Medien betrachtet und dabei ihnen gegenüber weder vollkommenen Optimismus noch grundsätzliche Feindlichkeit zeigt. So schreibt er in Das digitale Evangelium: „Vor der Romanlektüre wurde bereits im achtzehnten Jahrhundert mit denselben Argumenten gewarnt, die heute gegen das Fernsehen ins Feld geführt werden. An Stringenz hat diese Kritik seither nicht gewonnen.“1

Andere Texte dagegen sind sehr wissenschaftlich und theoretisch. Etwa das Gedicht Die Mathematiker, ursprünglich in dem Band Zukunftsmusik veröffentlicht, in dem „Die Fermatsche Vermutung, der Zermelosche Einwand, das Zornsche Lemma“ (S. 26), erwähnt werden und das eine überdurchschnittliche Kenntnis der Naturwissenschaften erfordert. So schreibt er an anderer Stelle: „Weitere Belege kann ich mir ersparen. Die beiden Unvollständigkeitssätze Gödels [...] sind bekannt genug.“ (S. 20)

Es wird also klar, dass der Leser zumindest Grundkenntnisse mitbringen sollte, wenn er sich mit dem Buch beschäftigt, oder er wird vieles kaum erfassen können. Welche Leserschaft und vor allem welche Zielsetzung Enzensberger allerdings mit dieser Anthologie angestrebt hat, wird in dem abschließenden Essay Die Poesie der Wissenschaft deutlich. Hier betrachtet er die immer weiter fortschreitende Spezialisierung in allen Bereichen der Wissenschaft und das „massenhafte Auftreten von Fachidioten“ (S. 261) gegenüber den Universalgenies der Vergangenheit, denen er auch viele der im Band enthaltenen Gedichte gewidmet hat. „Der Shakespeare-Forscher, der nie eine Seite von Darwin gelesen hat“, wie auch etwa „der Dichter, der keinem Neurologen zuhören kann“, seien „nicht weit entfernt von einer Art selbstverschuldeter Verblödung“ (S. 262), und so erklärt sich auch der den ganzen Band durchziehende Versuch einer Verbindung der Wissenschaft mit Poesie und Prosa. Ebenso liegt dem Autor an der Wiedererweckung des klassischen Lehrgedichts. Denn wo die Künstler früher „die wissenschaftlichen Forschungen ihrer Zeitgenossen begierig aufgegriffen“ (S. 264) hätten, herrsche heute eine strikte Trennung zwischen den Naturwissenschaften und den Künsten.

Zwar wurde dem Band in Rezensionen häufiger Ungenauigkeit bei den Fakten, Beiläufigkeit in den Erklärungen und eine gewisse Überheblichkeit im Stil vorgeworfen, dennoch sind Die Elixiere der Wissenschaft eine interessante Anthologie. „Eine Grundregel für Anthologien besagt, dass die Summe ihrer Teile mehr ergeben muss als die Addition einzelner Texte.“1 forderte eine Rezensentin in der Einleitung ihrer Besprechung; eine Forderung, die Die Elixiere der Wissenschaft problemlos erfüllt.



Inhalt


1 Angelika Overath: Vom Fliegenden Robert lernen. Zitiert nach Neue Zürcher Zeitung vom 28.05.2002.