Drawbridge Up – A cultural Anathema. / Zugbrücke außer Betrieb. Die Mathematik im Jenseits der Kultur.

Hans Magnus Enzensberger: Zugbrücke außer Betrieb. Die Mathematik im Jenseits der Kultur. Drawbridge up – A cultural Anathema. 1. Auflage. Natick (MA): A K Peters Ltd. 1998.

Umschlag

Bei Zugbrücke außer Betrieb. Die Mathematik im Jenseits der Kultur handelt es sich um einen Essay, den Enzensberger 1998 anlässlich des 50. internationalen Kongresses der MathematikerInnen verfasste. Der Text beginnt mit einem Vorwort des britischen Mathematikers David Mumford, Präsident der International Mathematical Union, und beschäftigt sich mit der Stellung der Mathematik in unserer Gesellschaft. Das gesamte Heft wird mit Illustrationen von Karl Heinrich Hofmann begleitet. Zugbrücke außer Betrieb wurde auf Wunsch des Autors, zu oben genanntem Anlass, von Tom Artin in die englische Sprache übersetzt und ist daher als bilingualer Druck erhältlich. Der englische Titel lautet Drawbridge up – A cultural Anathema.

Enzensberger beschreibt in seinem Essay die Kluft zwischen den Mathematikern und all jenen, die Mathematik nur mit Missgunst und Unverständnis begegnen. Er schildert die Mathematiker als abgeschottetes Völkchen, das auf einer einsamen Insel lebt und nur mit Hilfe einer Zugbrücke Außenstehenden einen Einblick in ihre Welt gewähren kann. Der Weg über diese Zugbrücke bleibt den meisten Menschen jedoch Zeit ihres Lebens verwehrt und die Mathematik eine Kunst, die nicht als solche erkannt wird. Enzensberger vergleicht im ersten Abschnitt des Essays Mathematik mit anderen Künsten wie der Literatur oder Musik. Er fragt sich, warum Musik und Kunst nicht aus dem Leben wegzudenken sind, Mathematik jedoch systematisch aus dem Gedächtnis verdrängt wird. „Ein allgemeiner Konsens hat sich herausgebildet, der schweigend, aber massiv die Haltung zur Mathematik bestimmt. Das ihr Ausschluss aus der Sphäre der Kultur einer Art von intellektueller Kastration gleichkommt, scheint niemanden zu stören (...). Wesentlich seltener trifft man Leute, die mit ähnlicher Emphase behaupten, es bereite ihnen schon der Gedanke, einen Roman zu lesen, ein Bild zu betrachten oder ins Kino zu gehen, unüberwindliche Qualen; seit dem Abitur hätten sie jede Berührung mit den Künsten, gleich welcher Art, peinlich vermieden." (S. 8/9)

Der Autor glaubt den Grund für mangelndes Interesse an der Mathematik in der Lehrweise an den Schulen gefunden zu haben. Jedem Kind sei ein natürliches Gespür für mathematische Probleme angeboren, doch gehe dieses verloren, sofern es nicht gefördert werde. Die Schulen bedienten sich eines Systems des Rechenunterrichts, das noch aus der Epoche der Industrialisierung stamme und heute völlig veraltet sei. In den ersten fünf Jahren des Curriculums gebe es keinen mathematischen Unterricht im eigentlichen Sinne, die Kinder öde man mit sich wiederholenden Rechenroutinen an. Man fördere hierbei nicht das mathematische Denken, sondern lediglich ein instrumentelles Verständnis der Mathematik. So verlören Kinder schon im frühen Alter die Lust an der Mathematik und auch das angeborene Verständnis für sie. In den weiterführenden Schulen werden die Themen keinesfalls interessanter und so werde die analytische Geometrie zum Beispiel wie eine Ansammlung von Rezepten angewandt, aber niemals verstanden. Ein solcher Unterricht fördere den „mathematischen Analphabetismus“, dem unsere Gesellschaft anheim gefallen sei.

Im letzte Abschnitt kommt Enzensberger auf sogenannte „Brückenmeister“ zu sprechen. Berühmte Brückenmeister sind Martin Gardner, Keith Devlin, John Conway oder Phillip Davis, die versuchen mit Hilfe einer semantischen Annäherung die Sprache (Formeln) der Mathematik in unsere natürliche Sprache zu übersetzen. Wenngleich die meisten Mathematiker die Ansicht vertreten, eine solche Umsetzung sei nicht möglich, haben wissenschaftliche Magazine wie „Spektrum der Wissenschaft“ dafür Pionierarbeit geleistet. Sie bringen mathematische Themen dem Nichtmathematiker näher, indem Sie Bezüge zum alltäglichen Leben aufzeigen oder zeigen, wie die Mathematik in den Naturwissenschaften zum Einsatz kommt. Nach einer Kurzbiographie des Autors schließt das Heft mit einem Zitat von Georg Ludewig Spohr, einem Pastor in Woltershausen, der 1793 sein Buch „Anweisungen zur Differential– und Integralrechnung, für Anfänger“ veröffentlichen ließ.