Die Gedichte

Hans Magnus Enzensberger: Die Gedichte. 1. Auflage. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1983.

Umschlag

Der Band Die Gedichte von Hans Magnus Enzensberger erschien 1983 im Suhrkamp Verlag. Es handelt sich hierbei um eine Sammlung aller bis dahin erschienenen Gedichtbände des Autors, deren Namen sieben einzelnen Kapiteln ihre Titel geben. In chronologischer Folge sind außerdem weitere Kapitel eingefügt, so daß die gesamte Folge lautet : Verteidigung der Wölfe (1957), Landessprache (1960), Blindenschrift (1964), Davor, Danach, Zehn Lieder für Ingrid Caven und Die Furie des Verschwindens (1980). Die Kleinschreibung der ersten drei Titel (und auch aller darunter versammelter Gedichte) ist aufgegeben. Die zusätzlichen Kapitel Davor und Danach enthalten Gedichte aus dem Sammelband Gedichte 1955–1970 und bis dato nur in verschiedenen Zeitschriften verstreut gedruckte Gedichte. Der Anhang des Sammelwerkes enthält die Erläuterungen zu Landessprache, Blindenschrift sowie Davor und Danach. Die Note zu Landessprache entspricht dem in der Originalausgabe beigelegten Laufzettel, welcher die griechischen Zitate und den Umgang mit den Gedichten erklärte. In der Note zu Blindenschrift werden Fremdwörter und Redensarten, die in den Gedichten vorkommen, erläutert. Auch bei Davor und Danach werden hauptsächlich Informationen zu den einzelnen Gedichten gegeben.

An dieser Stelle soll besonderes Augenmerk auf das Kapitel Zehn Lieder für Ingrid Caven gelegt werden. Dieser Gedichtzyklus umfasst ausschließlich Gedichte, die bis 1983 unveröffentlicht blieben. Der Entstehungszeitpunkt der Gedichte liegt vor dem der Furie des Verschwindens. Ingrid Caven, geboren am 3. August 1938, ist eine deutsche Schauspielerin und Sängerin. Sie war zweimal verheiratet und trägt deshalb in manchen Filmen den Nachnamen Fassbinder. Jedoch wurde die Ehe mit Rainer Werner Fassbinder 1972 geschieden, und bald darauf heiratete Ingrid Caven den Regisseur und Autor Jean–Jacques Schuhl, der auch eine Biographie mit dem Titel Ingrid Caven verfasste, die von Enzensberger in Die andere Bibliothek herausgebracht wurde. In den Zehn Liedern für Ingrid Caven spricht ein lyrisches Ich und verleiht den Gedichten eine sehr persönliche Note. Die Gedichte spiegeln das Innere des lyrischen Ichs wider, es werden scheinbar alltägliche Situationen geschildert, die jedoch seltsam traumähnlich und surreal erscheinen: Etwa ein verschlafener Tag im Bett oder Begegnungen mit Fremden im Flur. Doch steht das lyrische Ich als Beobachter über den Dingen, auch wenn es in die Situation mitverwickelt ist. Besonders das erste Gedicht Ich bin das, was du vergessen hast lässt sich auf Ingrid Caven beziehen. In ihren zahlreichen Filmen spielte sie die Hure und die Heilige, die Geliebte und die Ehefrau. Alle Facetten werden angestimmt und gleichzeitig wird in dem Gedicht die Zeitlosigkeit der Schauspielerin unterstrichen.

„Ich bin die Hure an der Bar,
die ich vor hundert Jahren war.

Ich bin, was du vergessen hast,
der ausgestorbene Palast,

der Mund bin ich, der dich verzehrt.
Ich bin die Nacht, die wiederkehrt.

Ich war, ich werde sein, ich bin
Die maulbeerfarbne Negerin.“



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