Diderots Schatten. Unterhaltungen, Szenen, Essays. Übersetzt, bearbeitet und erfunden von Hans Magnus Enzensberger

Hans Magnus Enzensberger: Diderots Schatten. Unterhaltungen, Szenen, Essays. Übersetzt, bearbeitet und erfunden von Hans Magnus Enzensberger. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1994.

Umschlag

Der 398–seitige Sammelband besteht aus acht Texten, einem Nachwort und einem Anhang mit Hinweisen zu den Erstdrucken. In fast allen Texten erscheint die Titelfigur Diderot, die auf unterschiedliche Weise und in verschiedenen Kontexten auftritt.

Diderot und das dunkle Ei. Ein Interview ist ein Dialog zwischen dem Schriftsteller Denis Diderot und einem Reporter, der das Interview mit einem Aufnahmegerät festhält. Diderot, der Tonbänder nicht kennt, ist davon beeindruckt und bezeichnet es als Mystifikation und das Mikrophon als „dunkles Ei“. Der Journalist versucht Diderot die Technik des Tonbandgerätes anschaulich zu erklären. Gleichzeitig ist er bemüht, anhand von kurzen Kommentaren, provokativen Äußerungen, Schlussfolgerungen und Fragen ein Gespräch über die gesellschaftliche Struktur und Ordnung sowie das „Parasitentum“ voranzutreiben. Trotz der zynischen Worte Diderots über Politik und Gesellschaft hält der Reporter ihn für einen Menschenfreund. Die Bezeichnung ‘Menschenfreund’ wird am Ende von Diderots Schatten im gleichnamigen Drama wieder aufgegriffen.

Das unheilvolle Porträt. Eine Mystifikation spielt in den 60er Jahren des 18. Jahrhunderts und ist ein Dialog zweier Personen (‘Er’ und ‘Ich’), deren Thema die Encyclopédie Diderots ist. Im Verlauf dieses Gesprächs behauptet der Ich–Sprecher, er habe eines der nicht beendeten Hörspiele Diderots verändert und fertiggestellt. Diderot habe die darin erzählte Geschichte geschickt in die Wirklichkeit eingefädelt und die Hauptpersonen wie Marionetten tanzen lassen. Er hat diese Intrige eingeleitet, um seinem Freund, dem Fürsten Galizyn dabei zu helfen, ein Bild zurückzuerhalten, das er seiner früheren Geliebten geschenkt hatte. Um sein Ziel zu erreichen, habe er die unbeständige Gesundheit der früheren Geliebten Dornet sowie die finanzielle Notlage seines Freundes Desbrosses und seiner Bekannten Madame Therbouche ausgenutzt. Schauplatz des Hörspiels ist das Atelier der Künstlerin Therbouche, in dem die drei Charaktere aufeinandertreffen. Desbrosses gibt sich als Arzt aus, schüchtert Dornet ein und rät ihr zum Verzicht auf alle negativen Einflüsse, besonders die der Vergangenheit, um die Balance zwischen Körper und Seele wiederherzustellen. Therbouche verhält sich – als Eingeweihte des Plans – zunächst reserviert bis kritisch, bestätigt aber letztlich die Fähigkeiten des Arztes. Diderot ist es schließlich, der die ehemalige Geliebte des Fürsten dazu bewegen kann, sich von dem Erinnerungsstück zu trennen.

Das folgende Werk Herzlose Liebschaften. Ein wahres Hörspiel spielt 1772 in Paris und ist wieder ein Dialog, in dem der ‘Ich–Sprecher’ die Rolle des Erzählers, der ‘Er–Sprecher’ die Rolle des aufmerksamen, gespannten Hörers übernimmt. Die Erzählung besteht aus zwei Geschichten, denen jeweils eine These zugrunde liegt. Der ‘Ich–Sprecher’ erzählt wahre Begebenheiten aus seinem Leben, um die These zu belegen, dass es sehr böse Frauen und sehr gute Männer gibt. Ebenso verfährt er mit seiner zweiten These, nach der es eben sehr gute Frauen und sehr böse Männer gibt. Beide Thesen werden vom Erzähler und Hörer diskutiert, indem sie einige der zuvor gefallenen Stichworte wieder aufgreifen und mit persönlichen Erlebnissen verbinden. Das Hörspiel wirkt dadurch sehr authentisch. Geschrieben wurde das Werk ursprünglich von Diderot. Enzensberger hat es überarbeitet und herausgegeben.

Madame de la Carlière oder die Wankelmütigen. Eine Unterhaltung im Nebel. Auch dieses Werk stammt ursprünglich von Denis Diderot und wurde von Hans Magnus Enzensberger frei überarbeitet. Bei einem Spaziergang unterhalten sich zwei Personen, „Ich“ und „Sie, eine Dame der Gesellschaft“, über den ehemaligen Advokaten Chevalier Desroches und seine Lebensgeschichte. Desroches, der nach einem Unfall zu Mme. de Carlière gebracht und von ihr gepflegt wird, verliebt sich in die junge Frau und heiratet sie. Die Braut fordert aber ewige Liebe und Treue und ruft ihre Freunde als Zeugen auf, die ihren Mann, wenn er ihrer Bedingung nicht folgen sollte, meiden und ihn einen heuchlerischen Verräter nennen sollen. Desroches hat später tatsächlich eine Geliebte, von der seine Frau nur zufällig durch Liebesbriefe erfährt. Zunächst schweigt sie darüber, später aber offenbart sie die Untreue ihres Manns. Sie zeigt öffentlich die Liebesbriefe und fordert das Urteil der Gäste. „Die Anderen“, anwesende Gäste und alle, die von der Angelegenheit erfahren haben, beginnen, losgelöst von der eigentlichen Erzählung, über diesen Skandal zu diskutieren. Als Repräsentation des allgemeinen Geredes zeugt ihr Geschwätz aber weder von ernsthaftem Interesse noch von aufrichtigem Mitgefühl. Mme. de la Carlière verlässt Desroches mit ihrem Kind, kurze Zeit später wird sie krank und ihr Kind stirbt. Das Unglück nimmt unfassbare Formen an, als kurz danach auch ihre Mutter und ihr Bruder sterben. Desroches wird indirekt für deren Tod verantwortlich gemacht. Den Tod von Mme. de la Carlière nimmt das Volk sogar zum Anlass, Desroches als Mörder anzuklagen. Gegen Ende der Unterhaltung diskutieren „Ich“ und „Sie“ die Verantwortung Desroches und legen ihre Meinungen dar. „Die Anderen“, zeigen sich bald vom allgemeinen Gerede gelangweilt und suchen nach anderen skandalösen gesellschaftlichen Ereignissen.

Jakob und sein Herr. Ein Radio–Roman ist ein Dialog zwischen dem Erzähler und einem Hörer, in den die Geschichte von Jakob und seinem Herrn eingebettet ist. Der Diener Jakob und sein Herr, der nicht namentlich erwähnt wird, sind mit ihren Pferden unterwegs. Auf dieser Reise will Jakob seinen Herrn mit einer Liebesgeschichte unterhalten, er wird aber ständig durch äußere Ereignisse unterbrochen und abgelenkt. So glaubt Jakob z.B. seinen ehemaligen Hauptmann tot, als ein Karren mit einem Sarg vorüberzieht. Dies nimmt er zum Anlass, die Geschichte des Hauptmanns ausführlich zu erzählen. Er glaubt auch an göttliche Vorherbestimmtheit und beteuert immer wieder, dass alles „dort oben geschrieben“ (S. 156) steht. Während des Rahmendialoges verdeutlicht der Erzähler beständig, dass er der Erfinder von Teilen der Geschichte ist und daß er ihren Verlauf steuert. Er versteht es, den Hörer neugierig zu machen und scheint seine Gedanken zu kennen. So entwickeln sich im Laufe der Geschichte immer wieder Diskussionen zwischen beiden, bis schließlich der Erzähler zugibt: „Erstens, lieber Zuhörer, habe ich das alles nicht erfunden, es hat sich wirklich so zugetragen, zumindest hat Jakob es Wort für Wort so erzählt, und dafür kann ich nichts; und zweitens, wenn ich, was er seinem Herrn erzählt hat, dir weitererzähle, so fühle ich mich weniger schuldig als der große römische Geschichtsschreiber Sueton, wenn er uns die Ausschweifungen des Kaisers Tiberius überliefert“ (S. 238). Bei dem Radio–Roman handelt es sich ursprünglich um ein Werk Diderots, das von Hans Magnus Enzensberger frei bearbeitet wurde.

Der Text Gründe, meinem alten Hausrock nachzutrauern oder Eine Warnung an alle, die mehr Geld als Geschmack haben ist ein (innerer) Monolog, in dem der Erzähler Denis Kritik an den Luxusgütern der heutigen Zeit übt. Es handelt sich bei diesem Essay um eine frei überarbeitete Form von Diderots gleichnamigen Originalwerk. Zu Beginn des Essays trauert Denis zunächst um seinen alten Hausrock und sein früheres Zimmer mit den alten Möbeln, das sich von einer bescheidenen Dachstube in ein auftrumpfendes Kabinett gewandelt hat. Er selbst aber empfindet Aversion und Ablehnung gegen diesen Reichtum und hängt um so mehr an seinem alten Flickenteppich. So bittet Denis Gott, ihn in die Armut zurückzuwerfen, falls der Reichtum sein Herz verderben sollte.

Über die Frauen ist ein 15–seitiger Essay von Denis Diderot, der von Hans Magnus Enzensberger frei überarbeitet wurde. Zu Beginn des Essays nimmt der Autor Bezug auf den Autor Antoine Léonard Thomas, der den Essai sur le caractère, les moeurs et l'esprit des femmes dans le différents siècles verfasst hat. Er porträtiert im Folgenden den Charakter der Frauen, übernimmt allgemein bekannte Klischees und übertreibt in seinen Darstellungen. So beschreibt er die Frau als ein „Wesen (...), das in seiner Kraft und seiner Schwäche bis zum Extrem geht“ (S. 274). Extrem sind auch seine weiteren Beschreibungen, seine spitzen Bemerkungen und sein ironischer Ton. Um den Charakter und das Wesen der Frau erklärbar zu machen, müsse man annehmen, daß die Frau ein zusätzliches Organ habe, von dem sie beherrscht werde und das sie empfänglich für schreckliche Krämpfe mache. Im Weiteren beklagt der Autor dann das „Los der Frauen“, ihren schicksalhaften Lebenslauf in ständiger Unterwerfung. Um seine Ausführungen zu untermauern, skizziert er das Bild einer jungen, bemitleidenswerte Indianerin, die ihrem Mann als Sklavin dient.

Der Menschenfreund. Eine Komödie.

(vgl. die Darstellung des Einzelbandes).



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